Ausgabe 32 · August 2021

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Früh übt sich … Verkehrserziehung in Schule und Hort

von Robert Bernhard

Einleitung

Im Folgenden soll ein Projekt mit Fahrtraining und Fahrradreparatur für Grundschüler, also 6- bis 10-jährige Kinder, das bisher an drei Einrichtungen von Erziehern und Lehrern ähnlich durchgeführt wurde, beleuchtet werden.

Nach einer Begründung für das Projekt werden Ziele und Inhalte und abschließend die Kommunikation zwischen allen beschrieben, die am Projekt beteiligt werden können.

Orte des Projekts

Der erste Veranstaltungsort war eine Ganztagsschule in Leipzig, an der in jeder Klasse eine Lehrerin und ein Erzieher gemeinsam unterrichten und erziehen.

Es folgte ein Hort (eine Kindertagesstätte zur Betreuung von Grundschülern am Nachmittag) in einer Kleinstadt bei Leipzig, in dem jede Klasse am Nachmittag eigene Erzieher hat, die mehr oder weniger eng mit den Klassenlehrern zusammenarbeiten. Zuletzt fand das Projekt auf dem Dorf in einem Hort mit offenem Konzept statt, in dem die Kinder sich am Nachmittag »frei bewegen« können, also nicht in einer festen Gruppe bleiben. Der Kontakt zwischen Lehrern und Erziehern ist hier konzeptbedingt loser.

Grund des Projekts

Das Fahrrad im Alltag von Kindern

Das Fahrrad ist im Leben der meisten Kinder präsent. Nahezu jedes Kind besitzt eines. Sie nutzen es als Spielgerät, wobei das Spiel oft – mehr oder weniger – sportlich wird, etwa beim spontanen Radrennen im Park oder auf dem Feldweg.

Bild 1: Das Fahrrad als Spielgerät

Immer mehr Familien nutzen es täglich als Fortbewegungsmittel. Je kleiner der Ort, desto mehr Schüler fahren zudem mit dem Rad zur Schule und zu Freunden und Vereinen. Das mag einerseits am unterschiedlich dichten Straßenverkehr liegen, der ihnen und den Eltern ein unterschiedliches Sicherheitsgefühl gibt, andererseits auch an den Qualitäten des ÖPNV.

Verkehrserziehung in Sachkunde: eine Kritik

Im Fach Sachkunde findet der theoretische und praktische Fahrradunterricht in Deutschland nach Beschluss der Kultusministerkonferenz und nach den Lehrplänen der Bundesländer in der 3. und 4. Klasse statt.

Er soll an die Verkehrserziehung seit der Vorschule und der 1. Klasse anschließen: Seit der Vorschule wurde langsam – so gut alters- und entwicklungsgemäß möglich – das Verhalten als Fußgänger täglich geübt: Anhalten am Straßenrand, Beenden des Spiels bei Fahrzeugvorbeifahrt (was zunächst nur der Tretroller auf dem Kindergartenhof und das andere Kind mit dem Fahrrad auf dem Spielplatz waren).

In der 1. Klasse wurde der Schulweg im Unterricht und als Hausaufgabe angesehen und abgelaufen, mit den Eltern auch ein paar weitere Wege, z. B. zu Freunden oder Großeltern. Das vorher Gelernte wurde also in den Straßenverkehr übersetzt, zuerst auf bekannten Strecken und Situationen. In den nächsten Jahren wurde diese Kompetenz langsam erweitert, Erklärungen und tägliche Belehrungen wurden verringert. Hierzu werden also vier Jahre eingeplant. Kinder können das Gelernte während dieser Zeit mehr und mehr auf andere Strecken anwenden und nutzen auch das Fahrrad teilweise ohne Aufsicht im Straßenverkehr.

Der Fahrradunterricht, meist in der 4. Klasse, ist dagegen ein Schnelldurchlauf in circa drei Wochen mit je vier Unterrichtsstunden, für viele Schüler ohne Anknüpfen an Gelerntes: Einige durften das Rad bisher nie oder fast nie im Straßenverkehr allein bewegen, andere tun es seit Langem.

In einem theoretischen Teil (teilweise auch in der 3. Klasse) werden Vorfahrtsregeln, Straßen-, Fuß- und Radwegbenutzung gelehrt, außerdem die verkehrssichere Ausstattung des Fahrrads. Er ähnelt dem Theorieunterricht in der Fahrschule.

Der praktische Teil findet meist an einem Vormittag mit einer Abschlussfahrt oder auch praktischen Prüfung statt. Normalerweise werden hier die Verkehrssituationen auf einer unbelebten Straße oder einem Verkehrsübungsplatz mit geprüft: Anfahren am Straßenrand, Vorbeifahren an einem Hindernis und Linksabbiegen. Es sind Verkehrssituationen »aus der Retorte«, die mit ebensolchem Verhalten absolviert werden. Exemplarisch das Anfahren am Straßenrand:

  1. den Verkehr beobachten
  2. das Fahrrad auf die Straße längs zum Bordstein schieben
  3. aufsitzen
  4. Schulterblick
  5. bei freier Straße linken Arm ausstrecken, erneuter Schulterblick
  6. losfahren

Es sind nicht Lehrer, die glauben, dass dadurch Radfahren sicherer wird, es sind Lehrpläne und Stundenplanraster mit wenig Zeit für Praxis. Und es sind die Forderungen der Polizei, die bei der Abschlussfahrt den »Fahrradführerschein« denjenigen erteilt, die die oben beschriebene Abfolge gezeigt haben.

Die Unsicherheit auf dem Fahrrad und auch, dass der Fahrradführerschein bei Lehrern und Eltern mit Elternrat bekannt ist, sorgen an manchen Schulen für ein Verbot in der Schulordnung, ohne bestandene Fahrradprüfung mit dem Rad zur Schule zu fahren.

Dieses Verbot ist zwar juristisch nicht bindend, weil es keine Gesetzesgrundlage hat, bindet aber die Kinder und deren Eltern emotional und wirkt dadurch. Übungsmöglichkeiten im Straßenverkehr werden daher sehr stark eingeschränkt. Nicht bedacht im Lehrplan und beim Verbot scheint außerdem, dass tägliche Erklärungen und »Belehrungen« durch Eltern, Lehrer und Erzieher später nicht mehr akzeptiert werden.

Sehr schnelles Lernen von vorher Ungeübtem wird also vorausgesetzt und soll danach perfekt allein angewandt werden, auch auf unbekannten Wegen.

Lerninhalte

Das Projekt versucht mit seinem Fahrtraining, das Fahrrad als Fortbewegungsmittel aufzuzeigen und zu erhalten, das Fahrkönnen zu erweitern und damit die Bewegung im Straßenverkehr sicherer zu machen. Als Spiel- und Sportgerät soll es dabei interessant bleiben oder einigen Kindern neu gezeigt werden, indem das Fahrrad besser beherrscht wird. Auch in der schematischen Fahrausbildung sind Kinder selbstsicherer. Es gibt weniger Tränen bei der Prüfung (sic!).

Durch die Reparaturen verstehen Schüler die Technik; zum Vorteil für sich (Herantrauen an Technik allgemein) kommt so, dass eigenartiges Fahrverhalten und komische Geräusche beim Fahren als wichtig erkannt werden. Gefahren durch kaputte Teile werden erkannt, das Fahrrad steht nicht mehr (teils jahrelang) in der Ecke.

Gerade in den Ferien lernen sich Kinder aus verschiedenen Klassen besser kennen, wenn die festen Gruppen aufgelöst sind und Kinder über mehrere Tage etwas gemeinsam erarbeiten.

Fahrradreparatur

Der Teil kann von einem Erwachsenen mit etwa sieben Kindern gleichzeitig durchgeführt werden, die sich eventuell gegenseitig unterstützen. Er kann sich also oft auf mehrere Tage erstrecken.

Beim Reparieren machen einige Kinder ihre abgestellten Fahrräder wieder nutzbar. Alle Räder, auch die mit nur kleinen Problemen, werden in einen verkehrs- oder wenigstens betriebssicheren Zustand versetzt. Zum Beispiel bei Rädern ohne verkehrssichere Ausstattung beraten Kinder untereinander und mit dem Projektleiter, welche Teile man fest anbringt, eventuell zukauft und welche Teile Eltern extra kaufen und nur wenn nötig anbringen (z. B. Beleuchtung). Verschiedene Beleuchtungen werden dabei verglichen, auch reflektierende Kleidung erachten viele Kinder wieder neu als notwendig und können sie vielleicht länger akzeptieren.

Kinder bekommen Mut zur Eigenreparatur und lernen deren Grenzen kennen. Das zeigt sich, wenn sie auch Monate und Jahre später noch zum Projektleiter kommen, Repariertes zeigen und begutachten lassen und außerdem nach neuen Reparaturen fragen: »Herr Bernhard, könnten wir das mal reparieren?« habe ich schon gehört. Das Projekt kann man also wiederholen, auch andere Kinder interessieren sich in den Ferien trotz Werbung erst zu spät.

Die unterschiedlichen finanziellen Situationen in den Familien müssen beachtet werden. Einige Familien akzeptieren nur perfekte Räder, andere können sich diese nicht leisten. Hier heißt es oft »aus zwei mach eins«. Hinten gerissene lange Schaltzüge von großen Rädern funktionieren gekürzt an Kinderrädern noch lange. Gaffer Tape kann bei Rädern, die nicht mehr allzu lange passen, bei Schutzblechen helfen. Kinder lernen so auch die Probleme in schwächeren sozialen Schichten kennen.

Unbedingt braucht es eine Vollmacht zum Reparieren und auch die Akzeptanz der Eltern, Geld für neue Kleinteile zu zahlen. Es geht hier um Bremsbeläge oder Züge, Größeres sollten Eltern nach Absprache mitbringen.

Unbedingt muss die Reparatur genau beaufsichtigt und kontrolliert werden, gerade wenn es um fahrsicherheitsrelevante Teile geht. Beispielsweise wenn Bremsen repariert werden, können viele Kinder oft nur zuschauen.

Fahrtraining

Dieser Projektteil kann mit einer ganzen Schulklasse durchgeführt werden. Es braucht dann mindestens zwei Erwachsene für Hilfestellung, Betreuung der schwierigeren Abschnitte und Aufsicht.

Das Fahrtraining verbessert bei allen das Können, die Fahrsicherheit und damit auch den Fahrspaß. Eigene Grenzen werden erkannt; was im Straßenverkehr möglich ist und was nicht, diskutieren Kinder und Erwachsene miteinander. Eine Sicherheit im Straßenverkehr außerhalb der Retortensituation können Schüler mit dem theoretischen und praktischen Lernen der Verkehrsregeln verbinden.

Das Training beginnt mit einem Parcours, den der Projektleiter den Kindern praktisch zeigt und dabei auf Gefahren hinweist.

Bild 2: Fahrrad-Parcours

Der Parcours hat verschiedene Abschnitte:

  • die Wasserbecherstrecke, auf der ein Becher während der Fahrt gegriffen, ca. 8 m in einer Hand transportiert und möglichst voll während der Fahrt abgestellt wird, wodurch das Fahren mit einer Hand trainiert wird
  • eine Slalomstrecke, deren Markierungen je nach Wunsch der Gruppe und einzelner Kinder ruhig etwas unregelmäßig stehen dürfen, verschiedene Schwierigkeiten bei unterschiedlichem Können sind interessant
  • eine Langsamfahrstrecke von ca. 10 m, 60 cm breit
  • Schwierigkeiten wie z. B. eine Wippe aus Brett und Holzklotz, ein Stock zum Überfahren, gerade in der Stadt eine Europalette, die auch Straßenbahnschienen simuliert. Hier muss unbedingt ein Erwachsener befehlen zu stoppen oder auszuweichen, nötigenfalls den Fahrer auffangen.
Bild 3 + 4: Amon und Levi beim Slalom

Die Strecke wird mehrfach wiederholt, je nach Können, Lernen und Laune. Manchmal kommen die Kinder darauf, die Zeit auf der Langsamfahrstrecke zu messen, mal werden Hindernisse umgebaut.

Bild 5: Levi in der verschmälerten Langsamfahrstrecke

Gerade während der Wiederholungen können Kinder einander unterstützen. Dadurch kommt keine Langeweile bei den »schnell Lernenden« auf, außerdem bekommen die »Langsameren« mehr Unterstützung – und Erzieher und Lehrer können die Kinder auch weiter gezielt beobachten und fördern, z. B. im Sozialen, aber auch beim Lernen durch Lehren.

Danach werden Notbremsungen geübt, denn der längste Gummistreifen auf dem Asphalt ist nicht die beste Bremsung zum schnellen Anhalten. Der Projektleiter zeigt das Bremsen mit seinem Fahrrad und erklärt jedem Kind direkt vor der Bremsübung, wie am besten gebremst wird – ob stärker, aber vorsichtig mit der Vorderradbremse, z. B. beim Mountainbike, oder stärker mit dem Rücktritt beim »Damenrad«. Er stellt sich nun 15 m vor die Kinder, die in einer Schlange anstehen, lässt jedes Kind einzeln beschleunigen und auf Kommando voll bremsen, beurteilt für sich den Erfolg und gibt Hinweise für den nächsten Versuch. Bremsversuche gibt es bis zur Perfektion, die Kinder selbst sind daran sehr interessiert. Tatsächlich musste der Projektleiter bisher nur ein Kind von über hundert Kindern vor einem Sturz bewahren – besser hier als auf der Straße.

Bild 6: Bremstraining mit Sicherung

Nach Parcours und Bremsübungen kann je nach Umgebung noch frei gefahren werden, Abenteuerspielplätze und Schulhöfe mit einzelnen Treppenstufen oder auch Hügeln und Gräben, Baumwurzeln und Kiesbetten eignen sich. Auf dem Dorf und in der Kleinstadt war ein solcher Platz übrigens am schnellsten zu finden.

Kommunikation mit weiteren Beteiligten

Arbeit mit Hortleitung und Kollegen

Die gemeinsame Arbeit am Projekt kann Vertrauen in tatsächliche Zusammenarbeit, beispielsweise zwischen Hort und Schule in beiden Kollegien und der Schulleitung schaffen. Das gemeinsame Projekt ist gerade bei Horten und Schulen, die keinen gemeinsamen Träger haben, also nicht direkt zusammengehören, für beide ein Aushängeschild.

Die Hortleitungen haben eventuell Bedenken, die ausgeräumt werden können:

  • Zusätzliche Arbeitszeit vor dem Beginn des Hortnachmittags könnte spätnachmittags ausgeglichen werden, wie an Wandertagen auch.
  • Kinder ohne Vertrag für Hortbetreuung sind auch am Nachmittag über die Schule während Schulveranstaltungen versichert, wenn Schule und Hort zusammenarbeiten.

Zusammenarbeit zwischen Erziehern und Lehrern

Der Erzieher kann Interesse bei Klassenlehrern der vierte Klassen am besten wecken, wenn die »eigene« Klasse eine vierte ist.

Lehrern Vorbereitung anzubieten ist sehr günstig. Für den Unterricht haben sie oft schon eine bewährte Planung, die sie nur erneuern möchten. Verständlich, wenn sie gut funktioniert hat und die Bedingungen gleich geblieben sind. Selbst hat man als Erzieher ja auch schon ein Grundkonzept, das angepasst wird. Wichtig ist, die Gesamtzeit des Sachunterrichtthemas »Fahrradausbildung« zu benennen. Dann kann geklärt werden, welche Einzelthemen in wie vielen Stunden im Klassenraum als normaler Schulunterricht (mit oft notwendiger Benotung) behandelt werden und wie viel Unterrichtszeit draußen genutzt wird. Diese Zeit wäre dann für die Lehrer nicht vorzubereiten, wodurch sie keinen Mehraufwand haben, obwohl sie an diesem Tag vielleicht länger, nämlich am Hortnachmittag, arbeiten.

Gemeinsam sollte man die Projektzeit planen: Günstig sind zwei zusammenhängende Unterrichtsstunden, Endstunden des Tages (4. bis 6. Stunde). Der Beginn des Hortnachmittags kann dann mitgenutzt werden.

Elternarbeit

Das Projekt wird entweder an einem Elternabend oder aber mit einem Elternbrief nebst einzelnen zwanglosen Unterhaltungen mit einigen Eltern (»Tür-und-Angel-Gespräche«) vorgestellt. Folgende Punkte waren dabei in allen drei Einrichtungen wichtig:

  • Der Projektleiter musste auf das Verletzungsrisiko beim Fahrtraining eingehen, es bestünde letztlich bei jeder Aktivität im Freien. Er versicherte sein Bewusstsein dafür und seine Aufmerksamkeit beim Fahrtraining. Er erklärte das gesteigerte Interesse der Kinder am alltäglichen Thema durch praktische Erweiterung des Schulunterrichts. Das Projekt gebe den Kindern einen Sicherheitsgewinn im Alltag, speziell auch im baldigen Jugendalter; dann würde die Tochter oder der Sohn ohne Helm fahren. Vielen Eltern bereitet dies Angst, was auch von ihnen geäußert wurde.
  • Ein Hinweis auf das vielleicht bleibende Interesse am Radfahren als Freizeitbeschäftigung auch im Jugendalter erfreute viele Eltern, gerade in den Städten. Die Frage, ob die Eltern am Projekt mitarbeiten können, war in keiner der drei Einrichtungen nötig, jeweils gab es genug eigenes Personal, einmal war der Lehrer der Parallelklasse begeistert vom Fahrtraining und beteiligte sich (und natürlich seine Klasse).

Zum Autor

Robert Bernhard wohnt mit seinen 40 Jahren seit zehn Jahren in Leipzig, arbeitet seitdem als Erzieher im Hort, zuerst in Leipzig, dann in der Kleinstadt Markranstädt und nun in einem Dörfchen namens Kulkwitz.