Ausgabe 34 · Mai 2022

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Der Tod des Weltmeisters

Rezensentin: Juliane Neuß

Herbert Friedrich
Der Tod des Weltmeisters
Eine Radsportkarriere im Dritten Reich
Mit einem Nachwort von Elmar Schenkel
MAXIME Verlag, 2015
448 Seiten
ISBN 978-3-931965-55-6
19,95 €

Hochleistungsradfahren in den 1930er Jahren findet auf Radrennbahnen statt. Die Radfahrszene ist ein inniger Zirkel, man kennt sich. Trainer und Funktionäre versuchen, ihre Schützlinge so gewinnbringend wie möglich einzusetzen.

In seinem fiktiven Roman, der allerdings auf wahren Begebenheiten beruht, erzählt der Autor Herbert Friedrich (*1926) die Geschichte eines Profiradsportlers in der beginnenden Nazizeit. Sein Aufstieg zum Weltmeister mit sich endlos aneinanderreihenden Erfolgen wird von den Schicksalen der Zeit aus seinem näheren Umfeld begleitet. Schon früh wehrt sich der Protagonist Otto Pagler gegen die Strömungen der Manipulation und der Willkür. Dank seiner besonderen Stellung als Sportler und »nationaler Held« kann er noch Dinge bewegen, die sonst ausweglos erscheinen. Sport- und Zeitgeschichte sind vom Autor bis ins Detail gut recherchiert und Freunde des historischen Bahnradsports werden die besondere Atmosphäre dieser Sportereignisse auf den Holz- oder Betonbahnen Europas lebhaft nachempfinden können.

Der Tod scheint ein ständiger Begleiter Paglers zu sein. Sei es die beliebte Gasthauswirtin, die versehentlich bei einem Nazitreffen erschossen wird, die Sportkameraden, die den teilweise mörderischen Bedingungen der Publikum heischenden Rennbahnen zum Opfer fallen, oder der beste Freund, dessen Tod zu Propagandazwecken der Nazis missbraucht wird.

Als Otto Pagler seinen jüdischen Trainer ins Ausland rettet und jüdischen Freunden hilft, wird es politisch eng für ihn. Er verweigert die Chance, sein Fähnchen in den Wind zu hängen, und muss seine Entscheidung schließlich mit dem Leben bezahlen.

Auf den über 400 Seiten schafft es der Autor, ein lebendiges Bild der Zeit zu zeichnen, in der persönliche Verquickungen hilfreich oder gefährlich sein konnten. Dass sich eine Liebesgeschichte durch die Erzählung zieht, ist unvermeidlich, aber nicht aufdringlich, sondern beleuchtet noch mal andere Aspekte des spektakulären Sportlers.

Das vorliegende Buch aus dem MAXIME Verlag ist eine Neuauflage des 1971 erschienenen Werkes desselben Autors, damals noch unter dem Titel »Der Kristall und die Messer«. Ab der 2. Auflage wurde der Untertitel »7 Jahre eines Rennfahrers« zum Haupttitel.

Bild 1: Erstausgabe 1971
Von: Peter Höhler
Bild 2: Buchcover ab der 2. Auflage
Von: Lutz Richter

Vorbild für den fiktiven Roman war der Radrennfahrer Albert Richter (*14.10.1912 in Köln, †2.1.1940 in Lörrach). Die vermutete Todesursache reichte von Skiunfall bis Selbstmord. Erst nach 1945 wurden Details bekannt, genauere Ermittlungen wurden später noch versucht und wieder eingestellt.

In der DDR wurde Richter mit einer Sonderbriefmarke für Sportler, die unter der NS-Diktatur ums Leben gekommen sind, geehrt. Sportanlagen und ein Kinderheim erhielten seinen Namen. In Köln wurde 1997 die neue Radrennbahn nach ihm benannt.

1998 verfasste Renate Franz ein Buch über Albert Richter mit dem Titel »Der vergessene Weltmeister«, das wiederum auf einen Dokumentarfilm von Raimund Weber und Tillmann Scholl zurückgriff, die sich unter dem Titel »Auf der Suche nach Albert Richter – Radrennfahrer« des Falles angenommen hatten. (Quelle: aus Elmar Schenkels Nachwort zu dem vorliegenden Buch und Wikipedia-Eintrag)

Zur Rezensentin

Juliane Neuß, von Beruf Technische Assistentin für Metallographie und Werkstoffkunde. Ihre Berufung: Fahrradergonomie und Fahrräder für kleinwüchsige Menschen. Betreibt seit 1998 die Firma Junik-Spezialfahrräder, hat sechs Jahre lang die Filiale eines Fahrradladens in Hamburg geleitet und viele Jahre den Techtalk in der ADFC-Radwelt geschrieben. Sie ist seit 2016 Inhaberin der »Fahrradschmiede 2.0« in Clausthal-Zellerfeld, ihrem Heimatort, und hat dort auch eine Brompton-Spezialwerkstatt.