Ausgabe 43 · Juli 2026
Schuhe und Pedale für Radreisen
von Stefan Buballa und Juliane Neuß, unter Mitwirkung von Olaf Schultz
Meine alten Radreiseschuhe zerbröseln – da stellte ich mir und der Redaktion die Frage: Was nehme ich nun als Ersatz – wie sieht er aus, der optimale Radreiseschuh? Sehr schnell wurde klar, auch da gehen die Meinungen in der Redaktion weit auseinander. Und so haben Juliane und Olaf beide wichtigen Input für diesen Text eingebracht.
Für viele Leser*innen mag das sowieso ein müßiges Thema sein, natürlich nimmt man den Quasistandard vom Rennsport: Schuhe fürs SPD-Klicksystem. Wie auch viele Reiseradler*innen in Lycra-Radhosen und -Trikots fahren. All diese Kleidungsstücke haben sich am Rennrad ja nicht ohne Grund durchgesetzt. So habe ich es auch auf Radreisetreffen und auf Reisen selbst erlebt: Schuhe passend zu diesen Systempedalen dominieren zumindest bei eher sportlichen Radreisenden.
Auch Redaktionsmitglied Olaf, Kauz Schultz ist Fan von SPD-kompatiblem Schuhwerk. Er bevorzugt Klickpedale wie das Shimano A530 oder 323: eine Seite Klick, eine Seite ohne Klick für rutschiges Terrain. Statt »normalen Schuhen« schwört er aber auf SPD-Sandalen. Im Sommer mit Wollsocken, im Winter Zwiebelsystem. Vorteil: Socken trocknen schneller als Schuhe und SPD-Sandalen funktionieren auch gut für einen »sommerlichen« Fußmarsch z. B. vom Jungfraujoch zur Mönchsjochhütte und zurück ;-). Für alle, die noch nicht dort oben waren: auch im Sommer ein ziemlich eisiger Spaziergang …
Ich habe SPD-Pedale mit passenden Schuhen demgegenüber nur auf eisfreien Straßen und Waldwegen getestet. Am Liegerad fand ich sie sehr hilfreich, sonst hätte ich vermutlich Fersenhaken gebraucht. Das Laufen in den Schuhen war aber suboptimal: gerade auf steinigem und unebenem Untergrund eher unangenehm, bin ich doch z. B. leichter gerutscht, wenn der SPD-Einsatz doch Kontakt zum Untergrund bekam. Gar nicht gefallen hat mir die Schuhauswahl: Sicher kann man bei spezialisierten Schuhmachern (für eine stolze Summe) sogar Birkenstock-Sandalen auf SPD umrüsten lassen. Das gängige Schuhangebot besteht aber vor allem aus viel Kunststoff. Viele »rassige« Ziernähte begrenzen die Dauerhaltbarkeit und Mesheinsätze überall sorgen zwar für Belüftung, aber: Am Morgen mal eben so das Rad durch eine feuchte Wiese zum Weg schieben führt zu nassen Füßen – alles nicht meine Präferenz.
Auf meiner ersten Afrikatour fuhr ich Radreiseschuhe von Avocet. Die waren nur mühsam aus den USA zu bekommen, hatten aber eine steife Sohle und Rillen unter der Sohle »rasteten« leicht in die Hinterkante des Pedals ein. Sie waren sehr luftig und man lief zumindest auf Asphalt auch ganz gut darin. Wie viele Reiseradler*innen fuhr ich sie mit Metallhaken mit Riemen, die ich nie festzog.
So weit, so gut – bis ich in Südmarokko bei einer Familie eingeladen war. Wir saßen zum Minztee auf dem Boden – natürlich ohne Schuhe. Die rollenden Augen meiner Gastgeber, die meine Schuhe mit spitzen Fingern weit weg in der hintersten Ecke platzierten, stießen mich auf ein in vielen Wildcampingnächten verdrängtes Problem: Da die Teile, wie viele »moderne« Radschuhe, vollständig aus Plastik waren, rochen sie nach Wochen der Nutzung erbärmlich!
Seitdem fahre ich wegen des angenehmeren Klimas lieber mit Schuhen, die möglichst vollständig aus Leder sind. Besonders freue ich mich, wenn der Hersteller dabei auf überflüssige Ziernähte verzichtet. Auch möchte ich mit ihnen gut wandern können, und wenn es nur die steinige Piste im Gebirge ist, die ich meinen Packesel hochpushe. Und all dies, ohne jeden kleinen Kiesel durch die Sohle zu spüren. Oder eben meine kantigen Pedale. Auch mal nach dem Wildcampen durch eine feuchte Wiese laufen zu können, ohne nasse Füße zu bekommen – auch das sollte drinliegen. Schuhe in Volllederausführung lassen sich fetten und überstehen all das problemlos. Schließlich habe ich auf mehrmonatigen Reise erlebt, dass auch Radreiseschuhe kaputtgehen können und es vor Ort keinen Ersatz gibt. Daher sind Robustheit und Reparierbarkeit für mich ebenso wichtig wie ein Pedal, das ohne spezielle Klickeinsätze funktioniert.
Deshalb fahre ich seit Jahren Wanderhalbschuhe aus Leder mit Powergrips und »MTB«-Pedalen. Die Schuhe sind dabei das heikelste – manche erwiesen sich als gut geeignet, zuletzt hatte ich ein Exemplar von Meindl, das mich eher enttäuschte. Leider ist heutzutage auch ein Wanderschuh in erster Linie ein modisch-sportliches Accessoire und so wimmelt es auch im Angebot der Traditionshersteller von feschen, aber funktionsfreien Aufnähern, Durchbrechungen, Dekonähten und fantasievoll-kurvigen Polyurethan-(Zwischen-)Sohlen.
Mein eingangs erwähnter, nun in Auflösung befindlicher Schuh (Meindl Pineta) trug sich denn auch eher wie ein Turnschuh – sicher, das Fußklima war dank Lederausstattung super, das war’s dann aber auch schon. Die Sohle war so weich, dass man beim Wandern jede Felskante spürte, und nach langem Fahren drückte sich auch ein kantiges Pedal unangenehm durch. Auch die Haltbarkeit war enttäuschend: Die eigentliche Laufsohle ist dünn und rasch durchgelaufen, die dicke Polyurethan-Zwischensohle darunter bröselt rasch und vereitelt eine dauerhafte Reparatur: Weder ein gewitzter Flickschuster in Marrakesch noch ein Orthopädieschuhmacher in Stralsund, jeweils auf Radreisen bei sich ablösender Laufsohle um Hilfe gebeten, konnte das Problem in den Griff bekommen. So habe ich dieses (teure) Paar dieses Frühjahr nach nur kurzer Zeit zähneknirschend durch ein neues ersetzt. Dieses Modell (Hanwag Robin) soll laut Hersteller wiederbesohlbar sein. Das kommt mir nach meinen Erfahrungen sehr entgegen. Und es ist erfreulicherweise auch ohne Goretex erhältlich. Leider gibt’s auch hier seitlich sinnfreie Ziernähte, aber insgesamt ist der Schuh insbesondere im Vorfußbereich nahtarm und komplett aus Leder. Bei der Innenausstattung war man leider etwas sparsam, die Innensohle ist nicht mit Leder überzogen. Fußklimamäßig war das aber bis jetzt kein Problem.
Bei meiner Frühjahrstour bin ich viele steinige Pisten gefahren und habe vor allem auch geschoben. Dies wie auch kleinere Wanderungen waren aufgrund der steifen Sohle sehr angenehm. Sie könnte allerdings bei Nässe etwas rutschfester sein, aber der Schuh wirkt im Einsatz sehr robust, der Fuß gut geschützt. Eine Aussage zur Dauerfestigkeit kann das aber natürlich noch nicht sein.
Ich dachte bis jetzt, dass meine Vorliebe für Wanderhalbschuhe fast so exotisch ist wie die Vorliebe von Olaf Schultz für Sandalen auch bei schlechtem Wetter. Aber weit gefehlt: Juliane Neuß kommt aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen zu einer ähnlichen Schuhempfehlung:
Mein erstes Rennsportrad, 1980, hatte Haken und Riemen. Die Haken waren aus verchromtem Stahl und die Riemen aus Leder. So fuhr man damals. Zu der Zeit habe ich das nicht infrage gestellt.
Auf unserem Rennsport-Tandem gab es die »Lady-Haken«. Das waren kurze Haken, die ohne Riemen gefahren wurden, damit man sich zum Anfahren das Pedal hochziehen konnte.
Nachdem ich auf einer sehr langen Strecke (250 km an einem Tag) die Riemen zu fest gezogen hatte und mein rechtes Knie auf seine Bewegungsfreiheit verzichten musste und darauf mit einer langwierigen Entzündung reagierte, waren meine ersten Systempedale 1990 von der Firma Time, da diese schon die Bewegungsfreiheit des Fußes erlaubten und somit das Knie entlastet werden konnte (ich habe rechts eine Fehlstellung mit einer deutlichen Innenrotation). Die Time-Pedale waren aber noch mit dem dicken Block unter der vorderen Sohle. Look war schon auf dem Markt, aber sehr starr und SPD-Pedale waren noch nicht geboren.
Zeitgleich mit den Time-Pedalen für das Rennrad erwarb ich für meine Randonneurs ein Paar fantastische »Reisepedale« von Specialized, die ein Zehntel des Rahmenpreises kosteten (100 DM) und ich hielt mich deswegen für wahnsinnig. Selbstverständlich waren auch diese Pedale Haken-und-Riemen-Pedale. Da die verchromten Stahlhaken gerne verbogen, fahre ich mittlerweile die Kunststoffhaken, die für MTB gedacht waren. Auf die kann man auch mal platt drauftreten. Die Specialized-Pedale fahre ich jetzt ohne jegliche Wartung seit über 30 Jahren und rund 120.000 km. Dafür waren sie »echt günstig«. Witzig ist der Abrieb durch den Lederriemen am Pedalarm.
Der Vorteil dieser Pedale war, dass sie eine sehr ebene Innenfläche hatten, sodass man mit jedem beliebigen Schuh, auch mit dünner, weicher Sohle, fahren konnte.
Auf meinen Radreisen spare ich mir im Gepäck die Extraschuhe. Ich fahre mit festen Trekkingschuhen im Haken-und-Riemen Pedal und kann damit auch jederzeit längere Strecken zu Fuß zurücklegen. Mittlerweile kommen ein Paar Barfußschuhe als Alternative mit, die ich auch als Wasserschuhe benutze. Die nehmen wenig Platz weg und wiegen nicht viel.
Das Rennrad mit den Time-Pedalen wurde, nachdem ich Trondheim–Oslo damit gefahren war, fast nur bei Triathlonwettkämpfen gebraucht und auch da habe ich mir sehr bald wieder die Haken-Riemen-Lösung eingebaut, weil ich dann beim Radfahren schon die Laufschuhe anhabe und durchstarten kann, ohne noch groß Schuhe wechseln zu müssen.
Vor einiger Zeit wurde in Radsportkreisen festgestellt, dass das Nach-oben-Ziehen am Pedal auch im Rennsport gar nicht so wichtig ist wie immer vermutet. Das sehe ich auch so. Es entlastet kurzfristig die Muskulatur, aber den runden Tritt und eine entsprechend hohe Frequenz sollte man auch so können.
Wo die feste Schuhverbindung unverzichtbar ist, ist beim Liegerad. Da würden mir ständig die Füße vom Pedal fallen. Da bin ich sie zum Schluss auch noch gefahren. Aber an meinem alten Kettwiesel, was mir ab und zu durch den Schneematsch hilft, ist das auf der kurzen Strecke nicht notwendig.
Heute habe ich auf allen meinen Rädern (außer bei den Bromptons) Haken-Riemen-Pedale drauf.
Das kurze Angeln nach dem Körbchen ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Die Riemen werden nie geschlossen, da die Haken nur das Abrutschen nach vorne verhindern sollen. Alle anderen Pedaloberflächen, sei es Gummi, Hartkunststoff oder Sandpapier, können das nicht verhindern.
Fazit
Viele Wege führen nach Rom – auch bei der Wahl der Radreiseschuhe.
Auch wenn geschlossene SPD-Radschuhe alternativlos scheinen: Es lohnt sich auch hier, andere Lösungen in Erwägung zu ziehen. Ob Wanderschuh oder Sandalen – Anregungen hierzu finden sich in diesem Beitrag zahlreiche.
Zur Autorin und zum Autor
Juliane Neuß,
von Beruf Technische Assistentin für Metallographie und Werkstoffkunde.
Ihre Berufung: Fahrradergonomie und Fahrräder für kleinwüchsige
Menschen. Betreibt seit 1998 die Firma Junik-Spezialfahrräder, hat sechs
Jahre lang die Filiale eines Fahrradladens in Hamburg geleitet und viele
Jahre den Techtalk in der ADFC-Radwelt geschrieben. Sie ist seit 2016
Inhaberin der »Fahrradschmiede 2.0« in Clausthal-Zellerfeld, ihrem
Heimatort, und hat dort auch eine Brompton-Spezialwerkstatt.
Stefan
Buballa, Arzt, Alltags- und Reiseradler. Selbstbau eines Reiserades und
eines Alltags-Kurzliegers. Er ist fasziniert von der Schlichtheit und
ökologischen Effizienz muskelkraftbetriebener Fahrzeuge. Besondere
Interessen: ergonomische und leistungsphysiologische Aspekte. Besondere
Schwächen: Radreisen in Afrika und Nahost …