Fahrradzukunft

Ausgabe 43 · Juli 2026

Engpass in Fahrradwerkstätten

Gespräch zu den Folgen für die Fahrradnutzung und zu Wegen aus der Misere

von Andreas Oehler, Jürgen Zanzinger und Max Holzinger

Einen Termin in einer Fahrradwerkstatt zu bekommen wird mittlerweile selbst im Winter schwierig. Die dann aufgerufenen Preise sind zudem schmerzhaft hoch. Andreas Oehler aus der Redaktion sprach mit Jürgen Zanzinger als altgedientem Mechaniker in einem relativ großen Laden und mit Max Holzinger als jungem Schrauber, der gerade seinen Meister macht und plant, sich mit einer kleinen Werkstatt selbstständig zu machen.

Andreas: Meine Kollegin Andrea wurde mit dem Anliegen, bei ihrem fünf Jahre alten Bosch-Pedelec Scheibenbrems-Verschleißteile (alle Beläge und eine Scheibe) sowie Kettenblatt, Kette und 10fach-Kassette zu ersetzen, von zwei Händlern auf unbestimmte Zeit vertröstet, vom dritten bekam sie ein Angebot über 500 € mit einem Termin in 2,5 Monaten (und das im Winter!). Seither fährt sie mit dem Bus.

Jürgen: Wenn man die Teile zusammenrechnet – davon ausgegangen, dass Beläge und die Scheibe erneuert werden müssen – zwei Paar Bremsbeläge zu 25 €, dann die Scheiben für maximal 70 €, Kette 10fach 45 €, Kassette 55 €, Kettenblatt bis zu 60 €. Da sind wir bei den Teilen schon bei 255 €. Dazu kommt mindestens eine Stunde Arbeitszeit, eher mehr. Wir rechnen gerade 90 €/Std. ab. Andere Läden verlangen bis zu 120 €/Std. Es ist besser, beim ersten Angebot eine eher brutale Summe zu nennen. Wenn es dann günstiger wird, ist das immer gut.

Max: 400 € scheinen mir angemessen, wenn original Shimano- und Bosch-Teile verbaut werden.

Bild 1: Welche Probleme beklagen Menschen in Europa bei der Wartung ihres Fahrrads? (Quelle: The State of the Nation Report)

Andreas: Kollege Roman hatte an seinem wenige Monate alten Rose-Gravelbike eine leichte Undichtigkeit am Campa Bremsschaltgriff. Er überlegte, selbst zu reparieren, fragte dann doch bei Rose nach. Die schickten ihn zum lokalen Servicepartner-Händler. Als er nach Wochen nachfragte, hieß es, das Fahrrad sei zu Rose geschickt worden. Bei Rose angefragt, hieß es, der Händler hätte das entsprechende Werkzeug nicht gehabt. Wochen später noch mal bei Rose nachgehakt, kam heraus, dass die den Bremsschaltgriff abgeschraubt und zu Campa zur Garantiereparatur geschickt haben. Wann das Rad zurückkommt, ist ungewiss.

Max: Es ist natürlich für alle blöd, einen so kleinen Garantiefall zu so einer langatmigen und teuren Versandorgie aufzublasen.

Jürgen: Die Fahrradhersteller ziehen sich regelmäßig darauf zurück, dass sie nicht für die Reklamation von Anbauteilen zuständig sind. Wir machen seit einiger Zeit Service für Canyon. Da läuft es so, dass wir relativ schnell die nicht vorrätigen Teile geschickt bekommen. Kommen wir mit einem Fahrrad gar nicht klar, wird es eingeschickt. Aber das ist der letzte Ausweg und das dauert dann leider auch oft ewig.

Andreas: Bei ADFC-Radchecks erzählen viele Studierende, dass sie sich mit ihren leicht defekten Fahrrädern gar nicht mehr in Fahrradläden trauen, weil sie fürchten, weggeschickt zu werden oder hohe Preise zahlen zu müssen. Da fahren sie lieber Bus oder suchen nach kostenloser Hilfe – wie zum Beisiel durch den ADFC.

Max: Bei den Radläden, die ich kenne, ist die Furcht nicht berechtigt. Trotzdem ist es schwierig, einen angemessenen Reparaturpreis für eine »Gurke« im Wert von 50 € zu machen.

Jürgen: Wenn früher ein Studierender mit wenig Geld zu uns kam, hat man halt nur mal einen Bremszug getauscht plus Reifen und Schlauch und das war’s. Aber es hat sich immer wieder gezeigt, dass doch irgendwas anderes im Argen war, wenn man an einem Rad nur punktuell was gemacht hat. Du baust ein Rad raus, erneuerst Reifen und Schlauch und merkst dann, dass die Achse angebrochen ist oder das Schaltwerk abfällt, weil das Schaltauge angebrochen. Diese »punktuellen Reparaturen« sind immer schwieriger unterzubringen.

Andreas: Die Problematik »schlechter Service, ewige Wartezeiten und hohe Preise halten Leute vom Radfahren ab« ist auch Thema in der gerade von Shimano veröffentlichten Studie »State of the Nation 2026«. An den Fahrradzählstellen in Tübingen sind in den letzten Jahren die Zahlen bisweilen rückläufig! Shimano hat ermittelt, dass 47 % der deutschen Radbesitzer Schwierigkeiten bei der Wartung ihres Fahrrads haben. 33 % leiden unter langen Wartezeiten auf einen Servicetermin – der höchste Wert in Europa! Oft werden auch eingeschränkte Öffnungszeiten bemängelt (siehe The State of the Nation Report). Ist Shimano nicht eher Teil des Problems als der Lösung?

Max: Mit Cues bringt Shimano eine relativ haltbare und kompatible Gruppe – gute Sache!

Jürgen: Also ich muss frustriert feststellen, dass wir als Fahrradladen Shimano ausgeliefert sind. Es gibt keine echte Alternative zu Kettenschaltungen. Das bedaure ich sehr. Cues überzeugt mich nicht – das schaltet oft nicht sauber.

Bild 2: Was machen Menschen, die Probleme erleben, ihr Fahrrad professionell warten zu lassen? (Quelle: The State of the Nation Report)

Zehn Thesen zu Wartezeiten und Reparaturpreisen

Mögliche Gründe, warum es in den letzten zehn Jahren zu längeren Wartezeiten und erheblich höheren Reparaturpreisen gekommen ist und dies zu weniger Fahrradnutzung führt.

1 Mittelmotor-Pedelecs haben erhöhten Wartungsbedarf

Andreas: Die Mittelmotoren sorgen durch hohes Drehmoment für deutlich höheren Verschleiß an Kette, Ritzeln, Nabenschaltung, aber auch an den Bremsen. Deshalb ist der Wartungsbedarf sehr viel höher als bei mit Muskelkraft betriebenen Rädern.

Max: Dem stimme ich zu. Vor allem bei kleinen Motorritzeln (18 Zähne und kleiner) sorgt das für enorme Kräfte in der Kette.

Jürgen: Die Verschleißneigung des Antriebs, insbesondere einer Kettenschaltung, wird potenziert durch den Bosch-CX-Motor mit seinem hohen Drehmoment. Die meisten Leute brauchen so was eigentlich nicht. Was fängt eine Gelegenheitsfahrerin mit Mordsdrehmoment am Berg an? Da kann sie halt ihre falschen Übersetzungen fahren. Mein Appell: Schaltet doch bitte vor der Ampel runter!
Glücklicherweise gibt es von Shimano Verschleißsets für verschiedene Kassetten, wo die Abschlussritzel, also die ersten drei, einzeln geliefert werden. Oft sind ja nur die ersten paar Gangstufen verschlissen.
Bremsen am Pedelec sind auch so eine Sache. Es gibt nur wenige Hersteller, die dickere Scheiben und dickere Beläge anbieten – Tektro zum Beispiel. Das ist eine schöne Sache. Shimano hat so was nicht im Programm. Das etwas höhere Gewicht wäre beim Pedelec völlig irrelevant, wenn man deutlich mehr Haltbarkeit bekäme.

2 Moderne Fahrradtechnik ist aufwendiger zu reparieren

Andreas: Innen verlegte Züge, Scheibenbremsen, Hydraulik, Pedelec-Elektrik: Dafür braucht man höher qualifizierte Schrauber, die Ersatzteilbeschaffung ist aufwendiger, häufig müssen Ersatzteile extra bestellt werden. Die Reparaturfahrräder stehen dann störend in der Werkstatt. Des Öfteren müssen Bauteile oder komplette Fahrräder an den Hersteller zur Reparatur geschickt werden.

Max: Höhere Qualifizierung halte ich nicht für notwendig – meistens sind die Werkstattmitarbeiter gut geschult –, aber zu Hause selbst zu schrauben wird schwierig bis unmöglich, was zu mehr Andrang in der Werkstatt führt. Aktuell ist die Verfügbarkeit von Teilen wieder gut, während der Pandemie war das ein großes Problem. Ich halte hydraulische Scheibenbremsen auf Mineralölbasis für weniger aufwendig als (mechanische) Felgenbremsen. Entlüften muss man selten, einmal gut eingestellt, ist der Wechsel der Beläge schnell erledigt und man hat keine festrostenden Züge mehr. Von DOT-Bremsen kann ich Alltagsradlern nur abraten.

Jürgen: Die Technik ist aufwendiger als noch vor 30 Jahren, wo man halt V-Brakes hatte und 7fach-Kettenschaltung. Die waren schon deutlich einfacher zu reparieren.
Die Fahrradhersteller produzieren heute optisch attraktive Räder, die aber vom Schrauben her aufwendig sind. So ein Rad mit Carbonrahmen, bei dem du keine Leitung siehst, ist schön anzusehen – für den, der daran schraubt, ist es aber eine fortgeschrittene Nummer.
Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Hersteller diese Selbstschraubtendenz ein bisschen unterbinden wollen. Ein früherer Chef hat mir mal gesagt: »Wenn das nicht so kompliziert wäre, bräuchte man euch ja gar nicht in der Werkstatt.« Magere Begründung!

3 Weniger Radler schrauben noch selbst

Andreas: Radler schrauben zum einen nicht selbst, weil es schlicht schwieriger geworden ist, zum anderen, weil »Fahrradbasteln« nicht mehr Teil der Jugendkultur ist.

Max: Gerade in Tübingen, aber auch in Freiburg ist die Fahrradkultur stark ausgeprägt und es wird viel selbst geschraubt bzw. im Kollektiv. Leider wird heute unnötig viel Spezialwerkzeug benötigt, was auch Bastler in die Werkstatt zwingt.

Jürgen: Also, es wird schon wieder schick, dass man auch selbst schrauben kann. Es gibt den einen oder die andere, die sich das selbst beibringen. Einerseits, weil sie genervt sind, von Werkstätten abhängig zu sein. Andererseits ist es ja auch schön, wenn man sein Fahrrad selbst instand setzen kann.
Für manche Arbeiten braucht man halt spezielles Equipment. Vielen Stadtbewohnern fehlt aber auch ein Platz, um bei schlechterem Wetter zu schrauben. Wer hat schon einen Fahrradkeller, wo er Montageständer aufstellen kann. Selbsthilfewerkstätten braucht es, die Platz und Werkzeug bereitstellen! Allerdings muss man da auch wieder eine Gebühr verlangen, was auch Bastelfreunde abschreckt.

4 Jobrad-Leasing führt zu häufigeren Werkstattbesuchen

Andreas: Das Jobrad-Leasing kommt oft zusammen mit einer Verschleiß- oder Inspektionsversicherung, die Werkstattkosten übernimmt. Deshalb werden Jobräder viel häufiger in die Werkstatt gebracht und überbeanspruchen deren Kapazität.

Max: Ja. Zudem kommen Leasingräder auch ohne Versicherung jährlich zur Inspektion, unabhängig von der Notwendigkeit oder den gefahrenen Kilometern.

Jürgen: Ich glaube, dass die ganze Leasinggeschichte den Läden in den letzten Jahren den Arsch gerettet hat, auch weil erheblich teurere Räder als zuvor abgesetzt wurden. Wir in der Werkstatt machen gern Jobradinspektionen. Lästig ist aber das Abrechnen von Verschleißersatz mit der Versicherung. Das ist viel bürokratischer Aufwand. Wir tendieren dazu, die Kunden das selbst mit der Versicherung machen zu lassen. Wir erstellen einen Kostenvoranschlag, der Kunde reicht den ein. Wenn er genehmigt wird, machen wir das. Wir haben aber mit der Bezahlung oder mit dem Geldfluss nichts zu tun. Es gibt Leasingnehmer, die einen Full-Service-Vertrag haben. Du hast dann zum Beispiel über die drei Leasingjahre hinweg ein Verschleißbudget von 330 €. Das können wir auch gut von der Werkstatt aus ohne großen Aufwand abwickeln.
Wir hatten zum Teil Leute, die haben in den drei Leasingjahren nur lächerliche 300 km zusammengekriegt. Aber es gibt auch Extremnutzer, die kommen schnell an die Grenze vom Material.
Das Rad soll zudem am Ende des Leasings, wenn es nicht vom Leasingnehmer rausgekauft wird, in technisch gutem Zustand wieder an die Leasingfirma zurückgehen. Wir hatten jetzt einen Fall, wo die Felge gerissen war und wir Mühe hatten, aus formalen Gründen die originale Felge zu suchen. Das bedeutet viel bürokratischen Aufwand.

5 Pedelec-Pendler nutzen ungern ein Muskelkraft-Zweitrad

Andreas: War das Pendlerrad mal defekt, konnte mit dem Ersatzrad weiter gependelt werden, bis die Reparatur erledigt war. Wer heutzutage einmal von der »Droge Pedelec« genascht hat, fährt aber ungern noch das Muskelkraft-Zweitrad.

Max: Dem stimme ich zu. Wobei viele inzwischen auch ein E-Zweitrad haben.

Jürgen: Wir versuchen schon, für Leute, wo es wirklich nötig ist, Lösungen zu finden. Wenn zum Beispiel jemand mit komplett runtergebremsten Bremsbelägen kommt, dann wird das Rad innerhalb einer halben Woche wieder in einen fahrbaren Zustand gebracht. Für die restlichen Sachen wird dann ein neuer Termin ausgemacht. Ich kann niemanden mit nicht funktionierender Bremse wieder nach Hause schicken.
Das Problem, was alle Läden haben, ist, dass wir keinen Platz haben. Durch die großen Lastenräder hat dieses Problem eine neue Dimension bekommen.
Wir haben vier Biobikes und zwei Pedelecs zum Ausleihen, allerdings kosten die was, worüber die Leute nicht begeistert sind.

6 Günstige Abos für Bus und Bahn konkurrieren mit hohen Wartungskosten

Andreas: Die Abomodelle in Form von Semester- und Deutschland-Ticket haben sich weit verbreitet. Durch Zuschüsse von Kommunen und Arbeitgebern kostet ein Deutschland-Ticket bisweilen weniger als 30 € pro Monat. Das ist für viele billiger als die Wartungskosten für ein modernes Fahrrad beim Händler.

Max: Ich begrüße den günstigen ÖPNV. Ich kann aber nicht einschätzen, ob dadurch mehr Leute aufs Rad verzichten oder statt aufs Auto auf Rad plus ÖPNV setzen.

Jürgen: Es scheint Leute zu geben, die noch nicht das Erlebnis hatten, ein gutes Rad zu fahren. Vielleicht passt die Ergonomie noch nicht, aber ich glaube das muss man einfach mal erlebt haben. Geld ist nicht alles!

7 Zugunsten des Verkaufs teurer Neuräder verzichten Fahrradläden auf den Ausbau von Werkstattkapazität

Andreas: Fahrradläden haben – insbesondere im Corona-Boom, aber auch durch Jobrad und Co. – sich ganz auf den Verkauf teurer Neuräder konzentriert. Die Werkstatt wurde nicht im gleichen Maße ausgebaut. Jetzt fehlen die Kapazitäten bei Platz, Personal und Organisation.

Max: Dem stimme ich zu. Zudem sorgt die Flaute nach dem Corona-Boom für Insolvenzen.

Jürgen: Wir hatten in der Werkstatt früher zwei Arbeitsplätze, jetzt haben wir sechs, wir sind sehr gut ausgestattet, es ist einiges in Werkzeug und Montageständer investiert worden. Die Zahl der Radfahrer in Tübingen hat aber natürlich auch zugenommen und einige Läden haben zugemacht.
Früher hieß es, wir sind ein Fahrradladen, wir leben vom Verkauf von Fahrrädern. Die Werkstatt, die muss man halt haben. Nun entdeckt man das Potenzial der Dienstleistung. Jetzt heißt es, einen Termin bei einem fähigen Mechaniker zu kriegen ist fast so schwierig wie bei einem Facharzt.
Aber viele denken immer noch »am Fahrrad habe ich früher selbst geschraubt, das kann nicht so schwierig sein«. Warum machen die das nicht spontan?

8 Radläden können bei hochwertigen Rädern preislich nicht mit dem Versandhandel mithalten und schließen

Andreas: Canyon, Rose und Co. liefern heute hochwertige Räder, mit denen der niedergelassene Radladen im Preis kaum mithalten kann. Dazu kommen stark steigende Innenstadtmieten und Personalkosten bei gleichzeitig rückläufigen Absatzzahlen. Deshalb schließen viele Radläden – und damit auch deren Werkstattangebote. Die verbleibenden Werkstattkapazitäten reichen dann schlicht nicht mehr aus.

Max: Ich halte die überzogenen Mieten für das größte Problem.

Jürgen: Wir haben früher gar keine Versandräder angenommen. Dann haben wir mit Widerwillen mal ein Rose oder Canyon repariert. Mittlerweile ist Canyon-Service eines unserer Standbeine.
Man hat aber zu lange nicht darauf geachtet, dass manche Arbeitsleistungen bei Reklamationen an solchen Rädern von den Herstellern nicht vergütet werden. An manchen Rädern sind wir Stunden dran. Es muss alles dokumentiert werden und das schicken wir dann den Herstellern. Die vergüten uns aber nicht alles, sondern nur einen Teil davon.

9 Werkstätten müssen jetzt Gewinne erzielen

Andreas: Weil derzeit weniger Neuräder verkauft werden, die Fixkosten aber weiterlaufen, müssen die früher als lästiges, defizitäres Anhängsel geführten Werkstätten jetzt ernsthaft Gewinne erzielen – und damit die Reparaturpreise überproportional erhöhen.

Max: Eine Werkstatt sollte sich immer selbst tragen, außer man repariert ausschließlich Räder, die man selbst verkauft hat. Die hohen Preise kommen vor allem von Miete und Personal. Wobei bessere Löhne auch zu mehr Fachkräften in der Branche führen.

Jürgen: Wenn der Neuradverkauf gerade nicht läuft, muss halt das Geld auch mit der Werkstatt verdient werden. Das ist mit ein Grund, warum die Preise in der Werkstatt ein bisschen angezogen haben. Vorher war es nicht so wichtig, dass da Geld verdient wird, obwohl doch einiges an Kosten entsteht. Personalkosten haben erheblichen Anteil daran.

10 Handwerk ist bei der Berufswahl unpopulär

Andreas: Das Handwerk ist bei der Berufswahl schon lange unpopulär. In der Werkstatt wird erwartet, von Dienstag bis Samstag bis 18 Uhr zu arbeiten und möglichst im November und Januar Urlaub zu machen. Dazu Stress und geringer Lohn. Deshalb finden sich zu wenig gute Nachwuchs-Zweiradmechatroniker.

Max: Ich denke, Ausbildungen sind im Allgemeinen nicht mehr so beliebt, das Gehalt ist nicht der Rede wert. Auch die Fortbildung zum Meister oder Techniker im Anschluss ist kostspielig.

Jürgen: Wir haben drei Azubis, also für die Betriebsgröße erstaunlich viele. Zwei werden demnächst fertig und einer ist im zweiten Ausbildungsjahr. Unser jüngster ist 16 und unser ältester ist Quereinsteiger mit 35. Wir sind daran interessiert, gut auszubilden. Trotzdem wird einem das Ganze nicht leicht gemacht. Die Berufsschulen drücken uns Blockunterricht im März/April oder Mai/Juni rein, wo Auszubildende im Laden wirklich fehlen.

Bild 3: Wo haben Menschen in Europa mehr Probleme, Hilfe bei der Wartung ihres Fahrrads zu finden? (Quelle: The State of the Nation Report)

Wie finden wir raus aus der Misere?

Andreas: Was sollte passieren, dass Menschen seltener durch nicht behobene Defekte am Radfahren gehindert werden?

Max: Die Defekte sollten erst gar nicht auftreten. Leichtbaukomponenten aus dem Sportbereich sind extrem verbreitet und werden vermarktet. Robuste Komponenten sind nicht mehr in Mode.

Andreas: Wie könnte das Serviceangebot deutlich verbessert werden? Wie lassen sich Reparaturkosten und Wartezeiten senken?

Max: Inspektionen auf die Wintermonate legen, kurze Lieferzeiten für Ersatzteile, Kunden für Verschleiß sensibilisieren, Ersatzteile bestellen und Termin vereinbaren, bevor das Rad defekt ist.

Jürgen: Ich denke, wir sind in Tübingen noch ein bisschen besser dran als andere Städte dieser Größe, weil wir verhältnismäßig viele Läden haben. Das Serviceangebot könnte in einzelnen Läden aber gesteigert werden.
Online-Buchungstools gibt es in einzelnen Läden schon. Wir werden demnächst auch eins an den Start bringen. Ob das funktioniert?
Die Klage über zu lange Wartezeiten, die kriegt man ja direkt am Telefon oder bei der Annahme mit. Die Klagen über zu hohe Kosten: Wenn die Annahme so stattfindet, wie sie sein soll, dann wird ein Preis genannt oder wird ein Limit ausgemacht und dann ist es die Sache des Kunden zu entscheiden. Persönlich finde ich, dass die gängigen 100 € Stundensatz schon eine Menge Geld sind. Wir sind jetzt gerade so an der Schwelle dazu, einzelne Läden rechnen schon mit 120 €.
Andererseits gibt es Kunden, die sagen, ich habe früher für meine Autoinspektion 800 € gezahlt. Dann bin ich reingesessen und es hat sich gar nicht anders angefühlt. Für die Fahrradreparatur muss ich jetzt 400 € zahlen, es fährt sich nachher aber viel viel besser. Die Autofahrer sind jetzt nicht unsere Lieblingskundschaft, aber die sind bei den Kosten verständnisvoller.

Andreas: Ist es wünschenswert und realistisch, die Menschen wieder mehr zum Selberschrauben zu motivieren?

Max: Aus Sicherheitsgründen empfehle ich, eine Fachwerkstatt aufzusuchen. Laien haben weder das nötige Spezialwerkzeug noch den Zugang zu allen Serviceunterlagen. Fahrradkomponenten werden immer leichter, teurer und empfindlicher.

Jürgen: Ganz klar ja. Ich träume davon, dass man unserer Stammkundschaft in Workshops Selbstschrauben beibringt. Ich finde es richtig gut, wenn jemand kommt und sagt, ich brauche nur ein Verschleißteil, ich mache meine Reparatur selbst.
Wir hatten selbst im tiefsten Winter genug zu tun. Es gab früher auch schon Zeiten, wo man dann für drei Monate entlassen wurde. Die Horrorzeiten kommen jetzt ab März/April erst.

Andreas: Ist langlebige, wartungsarme, für Ungelernte leicht reparierbare Fahrradtechnik heute noch möglich und verkäuflich?

Max: Es fehlt an Nachfrage. CFK, Elektronik, App-gesteuert liegt im Trend.

Jürgen: Du kannst natürlich einen Rahmen bauen lassen, bei dem nach wie vor die Züge außen laufen. Wenn du eine Rohloff-Schaltung hast, wenn du eine wirklich gute Scheibenbremse hast, wenn du einen Stahlrahmen mit einem Durchlauf für breite Reifen hast, keine Federung, eine starre Gabel, da kriegst du ein wartungsarmes Rad hin. Aber mit Rohloff-Nabe kommen wir dann schon auf einen sehr ordentlichen Preis. Im Laufe der Jahre rechnet sich das dann wieder.

Andreas: Sind öffentliche Leihradsysteme oder »SWAP-Fiets« die Lösung?

Max: Nein. Bisher konnte mich noch kein Anbieter, ob Rad, Roller oder Segway, überzeugen. Teuer, schlechte Qualität, werden sorglos behandelt.

Jürgen: Also für eine größere, flache Stadt wie Karlsruhe ist das optimal vorstellbar, für Tübingen nicht, weil die Topografie dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung macht. Hat man ja zum Teil mit öffentlichen Leihrädern probiert, die gibt es ja mit diesen Vollgummireifen. Das macht hier keinen Sinn. In Freiburg vielleicht.
Eine Radstation kann ein tolles Angebot sein – da kann man ein hochwertiges Fahrrad trocken und sicher mit Bewachung abstellen.

Fazit

Werkstattkapazitäten sind heute definitiv knapp, was sich auf Wartezeiten und Preise auswirkt. Für junge Mechaniker bieten sich damit gute berufliche Perspektiven, so lange teure Innenstadtmieten vermieden werden können. Wer guten Service möchte, sollte die Beziehung zu »seinem« engagierten Mechaniker pflegen. Wer Ärger und Wartezeiten im Service vermeiden will, sollte auf langlebige, gut reparierbare Komponenten setzen und kein »Internetfahrrad« mit inkompatiblen Spezialteilen anschaffen.

Zu den Autoren

Andreas Oehler (Jg. 1966) arbeitet als Maschinenbauingenieur beim Fahrradbeleuchtungshersteller Schmidt Maschinenbau.

Jürgen Zanziger hat 1992 die Ausbildung zum Zweiradmechaniker angefangen und seither durchgehend als Schrauber in verschiedenen Tübinger Radläden gearbeitet. Er hat noch vier Jahre bis zur Rente, dann wird er sich den Luxus gönnen, nur noch ein oder zwei Tage die Woche zu kommen. Die Pedelec-Flut macht ihm manchmal ein bisschen schlechte Laune. Er freut sich immer, ein hochwertiges altes Rad wieder komplett zu sanieren.

Max Holzinger hat nach verschiedenen Versuchen mit Ausbildung und Studium jetzt seine Berufung gefunden und macht gerade in Freiburg den Meister als Zweiradmechatroniker. Anschließend will er eine kleine Fahrrad-Reparaturwerkstatt in Tübingen eröffnen.