Ausgabe 43 · Juli 2026
Entfesseltes Stufentandem: von Ketten befreit
von Stefan Buballa
Bei unserem diesjährigen Rundgang auf der Internationalen Spezialradmesse SPEZI habe ich, witzigerweise exakt gegenüber des riesigen, profimäßigen Haase-Stands, den Prototyp eines anderen Stufentandems entdeckt. Auf den ersten Blick wirkte er wie ein tiefergelegtes Haase-Pino, bei näherem Hinsehen zeigten sich aber einige Details, die einen ganz eigenständigen Ansatz vermuten lassen. Ob ein Stoker mitfährt oder als Plattform für Gepäck: Das lässt sich einfach im Handumdrehen umbauen.
Und überhaupt: Wenn man so vom Ausleger vorn nach hinten zum Heck schaut, fällt auf, dass da doch irgendetwas fehlt … Mensch, das Ding hat ja gar keine Synchronkette! Trotzdem gibt es die Möglichkeit, vorn mitzutreten. Oder eben auch nicht. Denn einen Stokerfreilauf gibt es auch.
Das Auge streikt: Wie soll das bitte gehen? Keine Kette?! Geht die Kraft etwa »durch« den Gabelschaft?
Des Rätsels Lösung: Es gibt gar keinen Gabelschaft. Die Lenkkopflager werden schlicht zwischen zwei Stummel der massiven Gabelbrücke, die aus Aluminium 3-D-gedruckt ist, geklemmt. Und so kann eine Kardanwelle das vordere mit dem hinteren Tretlager verbinden. Dieser Ansatz beseitigt natürlich gleich mehrere Nachteile, die Haase-Pino-Fahrer zur Genüge kennen: Bei der Längenverstellung des Auslegers entfällt das lästige Nachspannen der Kette. Auch ist die dreckige, fettige Kette nicht mehr im Weg, wenn man das Tandem zugmitnahmetauglich macht: Entfernt man den Ausleger, steht nix vor, nichts schlackert rum, eine saubere Sache. Aber auch beim Teilen, das ebenfalls möglich ist, gibt es keinerlei Kettentheater. Und nicht zuletzt entfällt jegliches Bangen um die weiße Sonntagshose – keine Kette kann das Hosenbein beschmieren.
Der Erbauer dieses Kunstwerks sitzt lässig im Schneidersitz auf einem abgenutzten Perserteppich, der die gesamte Standdeko ausmacht. Er heißt Ye Sen und ist als Japaner 2018 für ein Praktikum nach Deutschland gekommen. In Japan hat er ein 3-jähriges Studium am Tokyo College of Cycle Design absolviert. Dort umfassen die 2–4-jährigen Studiengänge nicht nur Theorie, sondern schließen auch Praxis im Rahmenbau mit ein. Im Rahmen seiner Ausbildung hat er viele kleine japanische Rahmenbaubetriebe besucht, die hier in Europa vermutlich unbekannt sind: »Kalavinka« und »Samson« haben ihn am meisten geprägt. Er schätzt an der japanischen Rahmenbautradition, die oft von einer bestimmten Spielart des Bahnradsports (»Keirin«) geprägt ist, vor allem den Hang zu Präzision und Perfektionismus. Gerade Menschen, die eine kleinere Rahmengröße brauchen, sind hier an der richtigen Adresse.
Als Corona kam, ist er in Deutschland hängen geblieben. Mittlerweile ist er 32 Jahre alt und möchte den Prototyp zur Serienreife bringen. Auf meine Frage nach den doch sehr anspruchsvollen konstruktiven und fertigungstechnischen Herausforderungen beim Prototyp erklärt er, bei einem Spezialbetrieb für Metall-3-D-Druck angestellt gewesen zu sein. Konstruktiv habe ihm dort ein Ingenieur zur Seite gestanden. Nun möchte er sich neben der Vermarktung seines Prototyps auch als 3-D-Druck-Dienstleister für Rahmenbauer etablieren.
Fazit
Auch scheinbar Bekanntes lässt sich innovativ weiterentwickeln! Der ideenreiche Tüftler Ye Sen aus Japan zeigt: Das Generve mit der Stokerkette beim Verstellen und »Verstauen« eines Stufentandems muss nicht sein.
Zum Autor
Stefan Buballa,
Arzt, Alltags- und Reiseradler. Selbstbau eines Reiserades und eines
Alltags-Kurzliegers. Er ist fasziniert von der Schlichtheit und
ökologischen Effizienz muskelkraftbetriebener Fahrzeuge. Besondere
Interessen: ergonomische und leistungsphysiologische Aspekte. Besondere
Schwächen: Radreisen in Afrika und Nahost …