Ausgabe 43 · Juli 2026
Wichsen statt wachsen – eine sehr persönliche Betrachtungsweise
von Juliane Neuß
Definition laut Grimmschen Wörterbuchs: wichsen, Verb: »mit Wachs bestreichen«, auch »blank machen, putzen«
Seit Jahren wird in der Fahrradszene von gewachsten Ketten geschwärmt. Ich habe dieser Schwärmerei immer skeptisch gegenübergestanden – und tue es auch heute noch, was ich hier erklären möchte.
Die Fahrradkette ist ein fantastisches Bauteil und seit über hundert Jahren bewährtes Antriebsmittel, um eine rotierende Kraft an einer Stelle wirken zu lassen, wo sie nicht entstanden ist. Es war die Revolution, um vom gefährlichen Hochrad auf das Sicherheitsniederrad umsteigen zu können. Der Direktantrieb des Vorderrades (Hochrad) wurde gegen das angetriebene Hinterrad getauscht. Die Kette war der Wegbereiter. Fahrradketten sind im Laufe der letzten hundert Jahre immer filigraner geworden. Die Blockkette des späten 19. Jahrhunderts stammte eher aus dem Schwermaschinenbau und ließ auch nur ein Ritzel und ein Kettenblatt zu. Für mehr war kein Platz. Mittlerweile haben wir gut gehärtete Ritzelwerkstoffe, die mit einer Breite von ca. 1,5 mm Kräfte übertragen, die bei starkem Antritt schnell zu einer Flächenpressung von 1 t/mm² führen können.
Und genau da liegt das Problem der Kettenschmierung. Unsere modernen Kettenschaltungsketten sind sogenannte Kragenlaschenketten. Die Innenlasche hat nach innen einen schmalen Kragen, auf dem die Kettenrolle läuft. Innerhalb der Kettenrolle befindet sich der Kettenstift, der aber nicht trägt, sondern nur die Laschen miteinander verbindet.
Der Kettenzug und damit die Kräfte, die auf die Kette wirken, werden hauptsächlich von Kragen und Rollen aufgenommen. Die Kragen sind gerade mal auf jeder Seite 1 mm dick. Das ist auch bei den »breiten« Ketten nicht anders, nur dass dann die Rollen in der Mitte etwas breiter ausfallen, die tragenden Flächen sind identisch klein.
Wenn also auf sehr kleiner Fläche effektive reibungsvermindernde Schmierung stattfinden soll, dann muss dort mit einem sehr fließfähigen Schmiermittel gearbeitet werden, was gleichzeitig hohe Flächenpressung aushält, damit es nicht verdrängt wird und die Schmierung dann nicht mehr stattfindet. Solche Öle werden als »druckfest« bezeichnet. Man erkennt sie daran, dass sie etwas zähflüssiger sind als »Nähmaschinenöl«. Und damit nähern wir uns dem nächsten Problem. Zähflüssige Öle kleben auch gern stärker. Kleben bedeutet, dass sie nicht nur gut an dem zu schmierenden Bauteil haften (nässeresistent), sondern dass auch umgekehrt Fremdstoffe, sprich Schmutz, an der Kette haften wollen. Dieser Schmutz wird dann weiter in das Innere der Kettenrollen und der Kragenlaschen transportiert und bildet mit dem Ölfilm eine Schmirgelpaste, die den Kettenwerkstoff zu dem bekannten schwarzen Kettendreck verarbeitet. Dadurch werden die Kragenlaschen und die Röllchen im Bereich von 1/10 mm dünner geschliffen, was man als »Verschleiß« in Form von Kettenlängung wahrnehmen und messen kann.
Um der »Schmirgelpaste« entgegenzuwirken, reicht es, die Ketten nach dem Einölen, ab dem zweiten Fahrtag, so lange abzuwischen (mehrere Tage hintereinander), bis kein Kettenöl mehr an der Außenseite der Kette haftet. Der erste Fahrtag dient lediglich dazu, alle Schmutzreste aus der Kette rauszuarbeiten.
So funktioniert das mit den herkömmlichen Kettenölen. Klebrige Öle sollte man nur im Wettkampfbereich einsetzen, wenn Schlamm und Regen drohen oder bei entsprechender Alltagsbelastung. Im Alltag ist dann ein möglichst geschlossener Kettenschutz in Verbindung mit einem Spritzschutzlappen am Vorderrad die beste Wahl, um die Kette vor Dreck zu schützen. Denn nur darum geht es.
Ketten im Vollkettenschutz (Hollandrad oder Chainglider) halten gefühlt unendlich lange. Nach meiner Erfahrung mindestens aber 10-mal länger als eine ungeschützte Kette. Besonders beim Chainglider ist trotzdem der tiefe Spritzschutzlappen ein Muss, damit Wasser und Schmutz vom Vorderrad nicht auf das Kettenblatt geschaufelt werden, denn ein kleiner Spalt bleibt ja auch beim Chainglider, sonst hätte das System zu viel Reibung.
Wie sieht das jetzt beim Wachsen aus?
Die übliche Methode ist, dass man die Kette extrem gründlich reinigt, sodass von dem ursprünglichen Schmiermittel keine Rückstände anhaften. Das geschieht mit einem Lösungsmittel (möglicherweise umweltschädlich) oder durch Auskochen in Seifenlauge. Dann trocknet man die Kette (z. B. im Backofen bei ca. 50–100 °C) und legt sie anschließend in das heiße, sehr dünnflüssige Wachs. Die Kette dabei hin und her bewegen, damit das Wachs zwischen die Röllchen eindringen kann.
Lässt man die Kette dann auf einer Unterlage abkühlen, hat man nachher einen »Kuchen« aus Kette mit hartem Wachs. Die Kette bewegt sich nicht mehr. Man bricht dann die Kette aus ihrem Wachsbett heraus, bis sie wieder beweglich ist, und hofft, dass sich genügend Wachs zwischen Kragen und Röllchen befindet. Und an dem Punkt kommen mir Zweifel.
Wenn ich sehe, wie das Wachs in großen Brocken von der Kette abfällt und eine perfekt blanke Oberfläche hinterlässt, muss ich annehmen, dass auch in der Kette ähnliche Zustände herrschen und das Wachs nach ein paar Kurbelumdrehungen gänzlich verschwunden ist. Bei meiner Internetrecherche zum Kettenwachsen fand ich die Aussage, dass eine gewachste Kette letztendlich von den ursprünglichen Schmiermittelresten lebt, die nicht gänzlich ausgewaschen wurden (was natürlich gegen die Methode mit Lösungsmittel spricht).
Warum wird dann die gewachste Kette so gefeiert?
Ganz einfach: weil sie außen sauber ist und keinen Dreck aufnehmen wird!
Etwas, was man meiner Meinung nach mit weniger Hype und ein bisschen Aufwand auch mit einer geölten Kette und einem saugfähigen Lappen erreichen kann.
Zur Autorin
Juliane
Neuß, von Beruf Technische Assistentin für Metallographie und
Werkstoffkunde. Ihre Berufung: Fahrradergonomie und Fahrräder für
kleinwüchsige Menschen. Betreibt seit 1998 die Firma
Junik-Spezialfahrräder, hat sechs Jahre lang die Filiale eines
Fahrradladens in Hamburg geleitet und viele Jahre den Techtalk in der
ADFC-Radwelt geschrieben. Sie ist seit 2016 Inhaberin der
»Fahrradschmiede 2.0« in Clausthal-Zellerfeld, ihrem Heimatort, und hat
dort auch eine Brompton-Spezialwerkstatt.