Ausgabe 35 · Dezember 2022

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Tübinger Bambusanhänger

Interview mit Eckardt Hellmich

Seit 2016 arbeitet Eckardt Hellmich an der Entwicklung von Handwagen und Fahrradanhängern auf Basis von Bambusrohren. Entgegen hippen Bambus-Fahrrädern, die mit viel Kunstharz und Lack zu hohen Preisen angeboten werden, sucht er nach einfachen, preisgünstigen Lösungen.

Wie kam es zu der Idee?

Ich brauchte einen Pilgerwagen, um meinen Bandscheiben auf einer Pilgerwanderung keinen Rucksack zumuten zu müssen.

Bild 1: Pilgerwagen – hier in seiner ursprünglichen Anwendung. Daraus entstand kaum geändert der »Sackkarren«anhänger.

Warum gerade Bambus?

Weil er leicht und stabil ist, nachwachsender Rohstoff – und überhaupt charmant. Die minimalistische Variante in der Ausführung »Sackkarre« wiegt 3,3 kg – der kastenförmigere Fahrradanhänger 4,5 kg. Herkömmliche Kinder-, Hunde- oder kleine Lastenanhänger wiegen hingegen meist über 10 kg.

Das Konstruktionsprinzip ermöglicht es, sein »Wägele« auf spezielle Anforderungen und Bedürfnisse hin zu bauen – oder bauen zu lassen: Der eine hat regelmäßig einen Mörteltrog zu transportieren, der andere seinen Kontrabass, wieder einer vielleicht sein Kajak. Ein Wägele für eine Kühltruhe zum Eisverkauf im Sommer ist ebenso denkbar wie eines für eine Feldküche.

Bild 2: Diese Anhängerversion ist für den Transport und gleichzeitig den Bühnenaufbau dreier Keyboards inkl. Verstärkerbox und Notenpult für einen begabten Tübinger Jazzpianisten gebaut.

Wie funktioniert die Verbindung der Bambusrohre?

An Materialien habe ich alles Mögliche ausprobiert, aber alle Naturprodukte wie Hanf, Bast, Sisal, Kokos, Leinen, Jute etc. sind durchgefallen, weil sie sich unter Belastung immer weiter dehnen.

Ideal für den Zweck ist leider PP-Schnur, die aber ökologisch doch halbwegs unbedenklich ist.

Die Verbindungstechnik zweier Stäbe ist inspiriert von chinesischen Gerüstbauern, aber dadurch erweitert, dass die Stäbe quasi »vernäht« werden, um ein Verrutschen gegeneinander zu verhindern. Gerüste sind nämlich nur statischen, Fahrradanhänger aber dynamischen Belastungen ausgesetzt. In letzter Zeit wurden mir noch Rosshaarschnur und Rindersehnen als besonders robuste Naturprodukte empfohlen. Getestet habe ich diese aber noch nicht.

Bild 3: An den Kreuzungspunkten werden die Rohre durchbohrt. Eine PP-Schnur wird hindurchgefädelt, um die Rohre gewickelt und verknotet.

Welche Entwicklungsschritte gab es?

Unzählige, darunter auch ein eigentlich lustiger: Sehr geeignet zum Verbinden der Stäbe sind schlicht auch Kabelbinder! Die Bauzeit lässt sich dadurch mehr als halbieren – es sieht aber einfach nur sch… aus. Meinen Nutzern empfehle ich dennoch, immer ein, zwei Kabelbinder dabeizuhaben, um auf die Schnelle eine sich lösende Verbindung reparieren zu können.

Welche Probleme gab und gibt es?

Mein Hauptproblem: Jeder, der sie sieht, findet die »Wägele« toll, geil, genial, superleicht, praktisch etc. – aber bislang trauen sich nur wenige mit so was auf die Straße, solange es noch nicht »hipp« ist.

Ist das Prinzip auch zum Nachbau oder zumindest zur Reparatur durch Anfänger geeignet?

Unbedingt! Es basiert geradezu auf dem Do-it-yourself-Gedanken!

Wie ist das Fahrverhalten?

Abhängig von der Beladung, wie jeder Anhänger. Durch die hohe Deichsel bzw. den Auflagepunkt der Kupplung am Gepäckträger ist das Wägele natürlich leichter umzuschmeißen als ein Industrieanhänger mit Kupplung an der Hinterachse.

Auch die Bauform – ich baue ja sowohl Sackkarren- als auch Kastenversionen – macht sich bemerkbar: Eine Sackkarrenform hab ich noch nie umgeschmissen, bei der Kastenform hab ich die Erfahrung gemacht (machen müssen), dass die Achse etwas nach hinten versetzt sein sollte. Und natürlich ist das Fahrverhalten auch von der Verteilung der Last abhängig: Der Schwerpunkt sollte immer möglichst tief und niemals hinter der Achse liegen, sonst neigt jeder Anhänger zum Schlingern!

Wie hoch ist die Belastbarkeit?

Natürlich abhängig von der Dicke der verwendeten Stäbe: Aber auch für meine grazilen Prototypen aus Stäbchen für Pflanzensetzlinge waren zwei volle Bierkästen, also 40 kg, kein Problem. Auf meinem »Schwerlastmodell« in Sackkarrenform hab ich schon ein Sideboard von 80 kg transportiert – halt vorsichtig …

Bild 4: Getränkekästen passen gut in den Kastenanhänger.

Welche Kupplung zum Fahrrad wird genutzt?

Denkbar einfach: Eine senkrechte 6er-Schraube am Ende des Gepäckträgers angebracht, nimmt eine entsprechende Bohrung in der verstärkten Querstange der Deichsel auf, gesichert durch eine Mutter – that’s it. Fällt das Fahrrad doch mal um, kippt der unbeladene Hänger mit auf die Seite.

Bild 5: Extrem simple Kupplung: Gewindebolzen am Gepäckträger und eine handschmeichelnde Mutter

Taugt für so was auch in europäischen Gärten gewachsener Bambus?

Auf jeden Fall – mit gewissen Konsequenzen. Ich verwende aus zwei Gründen Tonkinrohr: Erstens ist es bei geringem Gewicht und Durchmesser besonders stabil und zweitens hat es weniger ausgeprägte Knoten, was die Auswahl der Stäbe und Kreuzungspunkte natürlich erleichtert. Man wird bei heimischem, selbst gezogenem Bambus also größere Durchmesser wählen und einen höheren »Verschnitt« haben. Aber mein erster Pilgerwagen – der mir heute noch dient – war auch aus Gartenmarkt-Bambus und von entsprechend rustikaler Optik, die ja aber auch ihren Charme hat. Kompetente Beratung und hochwertige Bambusrohre bekomme ich von Dipl.-Ing. Christoph Tönges.

Wie viel kostet so ein Gefährt?

Wenn man’s selber baut, ca. 15 Euro für Bambus, 30 Euro für Sackkarrenräder, ein paar Cent für PP-Schnur – und jede Menge Schwielen an den Fingern. Gut geeignet sind auch Räder und Achse von modernen Kinderwagen – die findet man manchmal sehr günstig gebraucht auf eBay.

Wenn ich eines baue, dann frage ich meine Kunden, was es ihnen wert ist und was sie sich leisten können. Und wenn das mit den – je nach Bauform, die ja unterschiedlich aufwändig ist – vier bis acht Stunden Arbeitszeit kompatibel ist, dann kriegen sie ihr Wägelchen für 150 bis 400 Euro. Manche haben sogar schon mehr bezahlt, sodass andere, die sich’s nicht leisten konnten, auch eins bekommen haben. So stell’ ich mir das vor.

Bild 6: Werkzeuglos abnehmbares Rad von einem gebrauchten Kinderwagen

Was braucht man an Maschinenpark zur Produktion so eines Anhängers?

Mir reicht dafür ein Tisch, eine feinzahnige Japansäge, ein kleiner Akkubohrer, eine Schere und eine Art Nadel, die ich aus Draht selbst biege, zum Durchfädeln der Schnur.

Wie lange wird er im Alltag funktionsfähig bleiben?

Das ist wie bei allen Gebrauchsgegenständen abhängig von Nutzungsintensität geteilt durch Wartung. Ich belaste die von mir genutzten Wägelchen – schon zu Testzwecken – erheblich. Irgendwas geht irgendwann kaputt, eine Verbindung löst sich, ein Stab bricht, aber das Schöne ist ja, dass jedes Teil einfach ersetzbar ist. Wer sich so was selbst baut, der wird seine Erfahrungen machen. Weil ich meinen Kunden keine Garantie auf »Unkaputtbar« geben kann, gebe ich ihnen eine auf »Wenn-kaputt-dann-mach-ich-das-wieder«.

Bild 7: Kastenanhänger mit Euro-Box aus dem Baumarkt. Der gezeigte Anhänger ist seit einem Jahr bei einem Kunden im problemlosen Alltagseinsatz.

Willst du das im größeren Stil kommerziell vermarkten?

Nö. Ich möchte nur so viele Fische angeln, wie ich brauche, um davon leben zu können. Eine Fischereiflotte aufzubauen, dann andere für mich arbeiten zu lassen, um irgendwann weniger arbeiten zu müssen: Das überlasse ich anderen. Das Kapitalismusprinzip hat mich noch nie überzeugt.

Wie sonst soll es mit der Idee weitergehen?

Ich freu mich über jeden, der zu mir kommt und so ein Wägelchen haben und nutzen möchte. Ob ich ihm/ihr dann zeige, wie’s geht, oder ob ich ihm/ihr eins baue, ist mir völlig egal. Was ich mir sehr gut vorstellen könnte, ist, dass solche Wägelchen von Einrichtungen gebaut werden, in denen Menschen mit Behinderung arbeiten, Langzeitarbeitslose, Jugendliche von der Straße, unausgefüllte Hausmänner o. Ä.

Noch ein paar Worte zu deiner kritischen Einstellung gegenüber Bambus-Fahrrädern: Ich finde das, was diese Jungs aus Kiel machen – nur die kenn’ ich – total klasse, hab’ eines ihrer Fahrräder getestet, war sehr angetan, konnte es mir nur nicht leisten. Die haben aber natürlich einen völlig anderen Ansatz als ich: Die machen aus Bambus ein High-Tech-Material, müssen dementsprechend mit Epoxydharz und Verbindungen zu metallischen Gabeln und Ausfallenden etc. arbeiten. 

Mein Ansatz ist der genau gegenteilige: Ich will mit möglichst geringem technischem Aufwand eine kostengünstige Alternative zum Lastenfahrrad – eine Entwicklung, die ich übrigens auch toll, sinnvoll und notwendig finde – zur Verfügung stellen. Ich möchte die Ideen anderer nicht bashen, sondern ihnen die meinigen bescheiden an die Seite stellen.

Zur Person

Eckardt Hellmich war Gitarrist und Toningenieur, dann Pizzabäcker, jetzt ist er Busfahrer – und dabei jemand, der außer Bus nur Fahrrad fährt, ein Auto gar nicht besitzt. Seine doppelte Sicht auf das Tübinger Verkehrsgeschehen ermöglicht ihm Einblicke und Erfahrungen, mit denen er daran mitzuwirken versucht, die verbreitete »Feindschaft« Bus–Rad in Richtung einer »Partnerschaft« umzumodeln.

Das Interview führte Andreas Oehler.