Ausgabe 35 · Dezember 2022

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Ein Gang für alles

von Matthias Wiesner-Glufke

Räder ohne Gangschaltung waren lange Zeit so normal wie der Kohlenmann, der staubige Zentnersäcke von seinem Lkw lud. Heute sind sie eher selten zu finden, wenn man vom »Fixie-Hype« vor ein paar Jahren mal absieht. Und irgendwie ist das auch gut so. Denn wer möchte heute noch – wie mein Vater 1957 – mit nur einem Gang und viel Gepäck auf einem Vorkriegsrad von Rochlitz nach Rügen fahren? Fernab aller »Früher war’s-Romantik« ist das vermutlich nur beschwerlich, abgesehen von den zahlreichen Platten, die die Strecke damals für die abgenutzten Wulstreifen bereithielt. Trotzdem: korrekte Leistung, gelle?

Bild 1: Unterwegs mit einem Gang

Allerdings – und hier beginnt meine Geschichte – kann ein einfach aufgebautes und dadurch sehr wartungsarmes Rad auch heute noch seine Berechtigung haben, ideal für die alltäglichen Wege sein und letztlich viel Fahrspaß bieten. Meine Hinwendung zu einem Gang war rückblickend betrachtet wohl die Folge einiger technikverliebter Jahre als Zweiradmechaniker. Repariert habe ich »damals« in den 1990ern quasi alles, was mir vor die Werkstatt fuhr: hippe MTBs, viele Renn- und Liegeräder, Alltagsgurken und antike Schätze. Gerade bei Letzteren fiel mir auf, dass mehrere Jahrzehnte alte, stets genutzte Räder scheinbar unverwüstlich waren, während moderne Räder oft wegen irgendwelcher Zipperlein vorstellig wurden.

Bild 2: Mein Singlespeed-Rennrad – nun nicht mehr ganz »low budget«

Um die Jahrtausendwende herum wurden Eingangräder wieder populär, das »Eingangradforum« ward geboren und im Netz tauchten jede Menge interessante Eigenbauten auf: oft abgerüstete Rennräder mit starrer Nabe, aber auch MTBs mit Freilauf und Kettenspanner. Für meinen täglichen Arbeitsweg quer durch die Leipziger Großstadt mit wenig Steigungen und meist durchgängig schnell fahrbar schien so etwas ziemlich ideal.

Gesagt, getan: Ein Rennrad mit Freilauf sollte es werden und ein alter Zeitfahrrahmen mit waagerechten Ausfallenden wurde zum Low-Budget Singlespeeder umgebaut. Alles Überflüssige ab, ein Singlespeed-Ritzel mittels Spacern auf den Freilaufkörper positioniert, Kette gekürzt, gespannt – fertig. Die Übersetzung hatte ich vorab mit dem geschalteten Rennrad getestet: 42:18. Das passte! Bei 100er-Trittfrequenz gut für lockere 30 km/h.
Und …? Der Wahnsinn! Ein Rad wie ein Blitz. Schnell, leicht und wendig. Mit schmalen Schutzblechen und Licht beinahe ganzjährig verwendbar.

Bild 3: Mit 42:18-Übersetzung bei 100er-Trittfrequenz: gut für 30 km/h

So bin ich es lange gefahren, im Wesentlichen zur Arbeit. Die 23-mm-Reifen war ich vom Rennrad gewohnt und kam im Alltag super damit klar. Bis zu dem Tag, als die Bagger kamen … Ein Stück meines Arbeitsweges wurde zur Großbaustelle. Neue Gleise, neue Straße – alles neu. Und nun? Neues Rad! Diesmal ein MTB, gebraucht gekauft und mit DX-Ritzel und Kettenspanner zum baustellentauglichen Eingang-MTB umgerüstet. Wieder: der Wahnsinn! Überall kam ich durch. Nicht mehr ganz so schnell, aber durch den Matsch ziemlich zuverlässig. Die Übersetzung war mit 36:16 geringfügig kürzer als beim Eingang-Rennrad und für mich ein idealer Kompromiss aus schnellem Vorankommen auf Asphalt und gut fahrbarer Trittfrequenz bei unwirtlichen Bedingungen im Winter. Mit einer 80er-Trittfrequenz fährt man um 22 km/h – also immer noch schnell und locker genug.

Bild 4: Das Fixed-Gear-MTB: etwas kürzer übersetzt und auch für unwirtliche Winterbedingungen geeignet

Trittfrequenz und Lockerheit sind überhaupt zwei wichtige Dinge beim Eingangrad. »Nur schnell treten macht schnell« – diese alte Rennradfahrer-Weisheit passt hier wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Und für schnelles Treten ist Lockerheit unabdingbar. Erst recht, wenn man eine starre Nabe fährt, also immer mittreten muss. Aber dazu später. Mir hat es in jedem Fall sehr geholfen zu lernen, längerfristig eine hohe Trittfrequenz zu fahren. Und den Bereich der als angenehm empfundenen Frequenz in beide Richtungen deutlich zu erweitern. Konkret heißt das: Ich versuche nach dem Losfahren schnell eine Geschwindigkeit zu erreichen, bei der ich angenehm flüssig treten kann. So um die 80 Umdrehungen pro Minute. Ab da bin ich nach oben hin ziemlich variabel, weite Teile der Strecken fahre ich mit 100er-Frequenz. 120 rpm (Umdrehungen pro Minute) und mehr werden mir auf Dauer zu zappelig – bei Bergabpassagen nehme ich dann z. B. beim Fixed-MTB lieber die Füße aufs Unterrohr und lasse mich rollen.

Früher war ich in der Trittfrequenz wesentlich unflexibler und habe meine Knie mit »niederfrequentem Gestampfe« sicher manches Mal über Gebühr belastet. Zum Glück ist das jetzt anders. Und: Mit lockerem, wenn nötig sehr schnellem Pedalieren kann man für das Eingangrad völlig problemlos eine Übersetzung finden, die sowohl leichtes Anfahren als auch eine akzeptable Endgeschwindigkeit ermöglicht.

Irgendwann war die Baustelle Geschichte und ich hatte zwei Eingangräder, ein schmal- und ein breitbereiftes. Und ich hatte festgestellt, dass sich Rennrad und MTB in der Stadt gar nicht so viel nehmen, wie man es anfänglich aufgrund von Reifenbreite und -druck, Sitzposition, Radgewicht sowie unterschiedlicher Übersetzung vermuten würde. Zumindest nicht auf den 2 × 12 km mit oftmals zig Ampeln. Die langsamere, aber kontinuierliche Geschwindigkeit des MTB erlaubte es mir, häufig dort weiterzufahren, wo ich mit dem schnelleren Rennrad bei Rot warten musste. Am Ende waren es wenige Minuten Unterschied.

Durch einen glücklichen Umstand konnte ich – ziemlich günstig – eine White-ENO-Eccentric-Nabe (fixed/free) für das MTB erwerben. Diese Singlespeed-Nabe ermöglicht durch einen Exzenter das Einstellen der Kettenspannung auch bei vertikalen Ausfallenden. Man spart also den Kettenspanner (der jedoch durchaus gut funktionierte) und – viel wichtiger: Man kann durch Umdrehen des Hinterrades damit auch im Fixed-Modus fahren. Sprich: keinen Freilauf mehr … stattdessen ein festes Ritzel, immer mittreten. Wie beim Kinderdreirad mit Kurbeln direkt am Vorderrad. Wer rückwärts tritt, fährt auch rückwärts. Verrückt, oder?

Bild 5: Die White-ENO-Nabe ermöglicht ein Spannen der Kette mittels Exzenter.

Ich war mit starrem Antrieb am Eingang-Rennrad schon einige Kilometer gefahren. Damals noch mit einer auf 130 mm aufgespacerten Scheibenbrems-Vorderradnabe im Hinterrad. Statt Bremsscheibe war an der Nabe ein 6-fach gebohrtes Ritzel befestigt (ein sogenanntes »Fixel« = fixed + Ritzel). Das funktionierte gut, aber ich fand das bei hohen Geschwindigkeiten auf Dauer zu anstrengend. Deswegen zurück zum Freilauf. Am MTB versprach ich mir davon jedoch Vorteile im Winter. Denn: Wenn man sowieso nicht so schnell fährt, lässt sich über die Pedale auch leichter Kontrolle ausüben. Langsamer treten, etwas Gegendruck – und direkt langsamer werden. Super bei Glatteis! Und in Kombination mit Spikereifen unschlagbar. Tatsächlich hat sich die starre Nabe im MTB dann über viele Winter bewährt und mittlerweile fahre ich das Rad »fixed« auch im Sommer.

Bild 6: Ideal bei Schnee und Eis: Fixed-Gear-MTB mit Spikereifen

Für viele Alltagsgegebenheiten sind meine beiden Eingangräder bis heute die ideale Besetzung geblieben. Auch wenn ich mittlerweile einen deutlich längeren Arbeitsweg habe und oft auf die Kombi Bahn plus Faltrad zurückgreife. Im Winter passt das spikebereifte MTB jedoch ebenso problemlos in die Bahn und ist bei Schnee und Glätte allen anderen Rädern überlegen. Hier friert nichts ein oder braucht alle naselang pflegende Aufmerksamkeit. Es funktioniert einfach. Mittlerweile sind an beiden Rädern Nabendynamos und Schutzbleche verbaut, am MTB noch ein Minimalgepäckträger. So sind sie für mich bei jedem Wetter gut nutzbar.

Bild 7: Prima alltagstauglich mit Nabendynamo, Schutzblechen und Gepäckträger

Wer jetzt ein wenig Lust darauf bekommen hat, sich näher mit der Materie Eingangrad und fachspezifischen Begriffen wie Kettenlinie, Flip-Flop-Nabe oder Trackstand zu beschäftigen, dem seien die Einträge zum Thema Singlespeed auf den Seiten von wikipedalia.com empfohlen. Dort erfährt man viel Nützliches zum Thema Um- und Aufbau, Naben, Ritzel, Entfaltung und mehr. Äußerst lesenswert.

PS: Beim Schreiben des Artikels erinnerte ich mich an mein erstes »richtiges eigenes Fahrrad«, so um 1984. Es war ein metallicgrünes 26er, das mir meine Oma Marie gekauft hat. Ein tolles Rad! Mit Rücktritt und Felgenbremse. Und natürlich nur einem Gang. Vermutlich hat es mein Leben geprägt. Danke Oma!

Zum Autor

Matthias Wiesner-Glufke, Jahrgang 1970, lebt mit Frau und Kindern in Halle an der Saale. Nach Ausflügen in verschiedene Berufe und Tätigkeiten – wegen anhaltender Liebe zum Fahrrad – Gesellenausbildung zum Zweiradmechaniker. Nebenbei fast 20 Jahre ehrenamtliche Leitung einer Fahrrad-Selbsthilfewerkstatt. Jetzt wieder mehr Radfahrer als Reparateur. Und damit sehr glücklich.