Ausgabe 23 · November 2016

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Reise durch Marokko – 2011

Von Agadir über Anti-Atlas, Nord-Sahara und Erg Chebbi nach Melilla

von Jörg Gondermann

Anreise: Agadir – Taroudant. Hennen oder Eier?

18. November

Es ist vier Uhr dreißig, Hannover Hauptbahnhof. Um vier Uhr fünfunddreißig fährt die S-Bahn zum Flughafen und Karla ist noch nicht hier. Ich schalte mein Mobiltelefon ein und wähle ihre Nummer. »Oh, mein Wecker hat nicht funktioniert! Ich nehme ein Taxi zum Flughafen.«

OK.

Ich habe das Zelt, Kocher, Werkzeug, Luftpumpe, kann somit auch alleine fahren. Aber Karlas Rad und Packtaschen sind seit gestern Abend abgefertigt und jetzt wohl auch schon im Flieger – der hebt in genau 55 Minuten ab.

Irgendwie fährt diese dämliche S-Bahn nicht los. Es ist 4:40 Uhr, ich gehe zum Fahrer, will an der Tür klopfen. Da fährt das Ding endlich an.

Am Abfertigungsschalter spreche ich mit einem jungen Mädel: »Meine Freundin kommt mit dem Taxi, müsste in zehn Minuten hier sein.« – »Knapp!«, sagt sie kurz. »OK – ich sage am Einstieg Bescheid, dass die Maschine bis auf den letzten Drücker warten soll.« – »Danke.«

Ich gehe zur Sicherheits-Schleuse. Was um alles in der Welt machen die ganzen Leute so früh hier? Sollten Zuhause im Bett liegen, hier sorgen sie für ewig lange Warteschlangen. Na ja, ich bin eingebucht, Karla auch, die Kiste wird ohne uns nicht abheben. Ich sehe Karla um die Ecke biegen – sie wirkt ein wenig Orientierung suchend, aufgeregt, aber auch erleichtert. Schließlich ist sie früher da als ich dachte. Ich rufe, schicke sie nochmal zum Schalter-Mädel, dann ist erst mal Durchatmen dran. Und das um kurz nach fünf Uhr morgens.

TUI-Flug Nummer soundsoviel nach Las Palmas fliegt fast pünktlich ab. Im Flieger frage ich meinen Nachbarn erst mal, wohin wir eigentlich fliegen: »Las Palmas« gibt es viele. »Gran Canaria.« – »Danke.« Die vor uns lachen, mein Nachbar schaut fragend.

Nach einem Flugzeugfrühstück, der üblichen Werbe- und Verkaufsqual, »Larry Crowne« mit Hanks und Roberts und einem Zwischenstopp in Las Palmas mit Umstieg in ein anderes Flugzeug landen wir pünktlich in Agadir. Es ist Mittag.

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Der Flughafen versprüht orientalisches Flair, die Fahrräder sind heil, das Gepäck komplett, das Wetter genial. Wir treffen einen Radler aus Frankfurt, der uns wertvolle Tipps für die Route bis Rissani an der Ostgrenze Marokkos gibt. Karla und ich bemerken, dass wir beide fast keine Zeit für die Vorbereitung und mentale Einstellung auf diese Reise, dieses Land, diese Kultur hatten. Uns nicht genommen haben. Eigentlich wollte sie noch ihr Französisch auffrischen und ich meine Planstrecke aus dem Internet in die Karte einmalen. Stress. Bei beiden. Blöd und nicht angemessen für eine solche Reise. Ich wollte mich auch nochmal mit der Kultur der Berber auseinandersetzen, durch deren Gebiet wir ja fahren. Wie begrüßt man sich? Wie wünscht man sich Glück? Dann müssen wir das eben unterwegs lernen.

Bis Taroudant fahren wir eine vierspurige, viel befahrene Straße. Die Lockerheit der Fahrer fällt uns sofort auf. Und die Art der Fuhrwerke, die hier herumfahren. Vom deutschen Protz-Geländewagen bis zum Esel-Gespann. Wir fahren ganz rechts und dennoch überholen uns alle Autos, Laster und Mopeds mit weitem Abstand auf der linken Spur.

Unterwegs halten wir für einen Tee an einer Tankstelle. Tee? Tee auf marokkanische Art. Das Glas wird mit frischer Nana-Minze vollgestopft, darüber gibt es den Tee-Sud. Darüber noch einen Aufguss. Dazu wird ein Zuckerquader von zirka drei mal zwei mal ein Zentimeter gereicht. Den braucht das Gebräu auch. Aber dann ist das echt lecker.

Zum ersten Mal kommen wir mit den Menschen hier in Kontakt. Total freundlich, bemühen sich sehr, Französisch mit uns zu reden. Aber unsere Kenntnisse sind echt grottig. Ich nehme mir vor, mal einen Grundkurs in der Volkshochschule zu belegen.

In Taroudant finden wir ein kleines Hotel, das sauber und authentisch erscheint.

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Erstmalig erleben wir nach Zimmerbeziehen und Duschen einen typischen Basar. »Klein Marrakesch« wird das hier auch genannt. Ein Gewusel ist das – unglaublich: Fußgänger, Autos, Laster, Motorräder, Dreiräder, Esel-Gespanne, Pferdekutschen, Mofas, Fahrräder – alles bewegt sich offensichtlich ohne Regeln durcheinander. Die jungen Kerle auf den Mofas bremsen zum Teil mit den Füßen. Ich weiß nicht wie, aber sehe, dass es funktioniert. Alles pulsiert wie Blut in den Adern. Nur mit Gegenverkehr. Mir gefällt die Unaufgeregtheit, mit der die Menschen hier mit sich selbst umgehen.

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Aber es stinkt, beißt in Nase und Hals. Es stinkt in dieser Stadt, weil die alten Diesel und Zweitakter das Öl zu dicken schwarzen Rauchschwaden verbrennen und ungefiltert in die Luft pusten. Die Fuhrwerke selbst sind zum Teil recht abenteuerlich – vor allem spannend beladen. Hier sind die meisten Fahrzeuge noch Mittel zum Zweck. Sie müssen transportieren, nicht als Statussymbol dienen.

Der Pragmatismus der Orientalen, der mir als Deutschem so auffällt, hält sich nicht mit dem Beladen von Dreirädern auf – er geht bis ins Philosophische: Wir beschäftigen uns ja häufig mit der Frage, was zuerst da war: Die Henne oder das Ei. In Marokko wird die Frage wie folgt beantwortet: Beides. Egal. Aus der Henne wird eine Suppe, aus dem Ei ein Omelett. Warum sollten wir das in Verbindung bringen? Du kannst Hennen und Eier in einem Laden kaufen. Gleichzeitig. Warum fragst du überhaupt? Wo ist dein Problem?

Beim Staunen und Denken wird der Gestank-Teppich von leckerem Meeresfrüchte-mit-Knoblauch-Bratfett-Geruch überlagert. Wie Hunde halten wir die Nasen in den Wind und suchen die Geruchsquelle. In einer Seitenstraße werden Fischteile, Scampis und kleine Sardinen frittiert. Die Bude ist rappelvoll und wir lassen uns einen großen Teller mit Frittiertem belegen. Dazu Brot und zweierlei Soßen. Zahlen sollen wir hinterher. Das ist lecker. Auch in diesem Lokal hier ist es wuselig – und dennoch nicht hektisch. Und dann der Preis: 15 Dirham, nicht mal ein Euro fünfzig. Für beide.

Satt und müde gehen wir ins Hotel Atlas zurück.

Raus in die Landschaft, rein ins Herz

19. November

Morgens bewundere ich nochmal die Ausstrahlung des Hotels – für mich ist das Ambiente ja neu. Was in Deutschland immer so kitschig wirkt, ist hier passend. Auf eine bestimmte Weise attraktiv. Die ganzen Verschnörkelungen, Verzierungen, Ornamente an Türen, Teppichen, Wänden, Decken, Griffen und so weiter sind so ganz anders als der nüchtern-sachliche Bauhaus- und moderne Stil der deutschen Wohnweise.

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Nach einem petit dejeuner mit Pulverkaffee geht’s weiter. Ich glaube, hier in Marokko ist es besser, Tee zu trinken.

Erst jetzt, nachdem wir aus dem Ort wieder heraus fahren, fällt mir auf, dass Taroudant eigentlich eine Art Festung ist – die Stadtmauer ist mächtig und umschließt über rund sieben Kilometer das komplette historische Zentrum.

Ein Stück noch auf der viel befahrenen Hauptstraße, dann biegen wir ab Richtung Irghem und Tata. Die Frau aus dem Hotel in Taroudant hatte versucht, mir die Aussprache von Irghem beizubringen: Irr-Rramm. Normalerweise kann ich gut nachsprechen, aber Arabisch oder Berberisch ist deutlich schwieriger als Spanisch oder Französisch. Zumal die in der Karte mit lateinischen Buchstaben geschriebenen Worte häufig nichts mit der Aussprache in Arabisch zu tun haben.

Am Abzweig, der unbeschildert ist, frage ich nach dem Weg nach Irr-Rramm. Die Aussprache-Übungen bewähren sich, man versteht mich und weist den richtigen Weg. Wir fahren durch einen »Brutzel«-Stadtteil von Ait-Yazza (keine Ahnung wie das ausgesprochen wird): Eine Werkstatt nach der anderen. Eine Konstruktion vor den Werkstätten abenteuerlicher als die andere. Es riecht signifikant nach Schweißen. Alle möglichen alten Mofas und Peugeots stehen oder hängen in den dunklen Werkstätten. Hier wird nichts weggeworfen, hier wird auseinander- und wieder zusammengebaut und -geschweißt. Und bestimmt ist das alte Motobecane-Mofa hier bald Teil des 504er Peugeot-Pritschenwagens da hinten. Hauptsache, die Dinger fahren und transportieren.

Ich überlege, ob ich der Universität von Hannover empfehle, die Maschinenbau-Studenten nicht mal auf ein Praxissemester nach Ait-Yazza zu schicken. Man könnte garantiert voneinander lernen.

Jetzt wird es bald wesentlich ruhiger. Vor uns sehen wir schon die Berge des Anti-Atlas. Die Landschaft ist karg. Auf den roten Schotter-Flächen stehen immer einzeln alte und junge Akazien. Dazwischen suchen Schafe und Ziegen die letzten grünen Pflanzen. Einige der Ziegen klettern dafür auch in die Bäume – skurrile Bilder.

Die Menschen hier sind sehr freundlich. Egal ob jung oder alt – die meisten winken uns zu. Es gibt auch viele Fußgänger auf den Straßen außerhalb der Orte – für ein wohlmeinendes »Salam« ist immer Zeit und Gelegenheit. Kleine Kinder winken und freuen sich, sodass mir das Herz aufgeht. Das kenne ich gar nicht mehr und erinnert mich an meine Kindheit, als ich – an der Straße stehend – immer den Autos der nahen Straßenmeisterei zuwinkte und die Männer auf dem Bock dann das Blinklicht zum Gruß einschalteten. Also winke ich hier den Kindern zurück und freue mich auch. Wenn Frauen irgendwo vor den Häusern hocken oder stehen und ich winke (sie selbst tun es von alleine nicht), zaubert es ihnen ein wunderschönes Lächeln aufs Gesicht.

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Die Orte, an denen wir jetzt vorbeifahren, fügen sich harmonisch in die Berglandschaft ein. Auch dadurch, dass Häuser und Landschaft gleichfarbig sind, habe ich häufig das Gefühl, sie schmiegen sich an die vorgegebenen Konturen an.

In irgendeinem dieser Orte testen wir dann die Art und Weise, hier einzukaufen. Diese kleinen Läden, die meistens mit einem Coca-Cola-Schild gekennzeichnet sind, sind Teehaus, Treffpunkt, Arbeitsplatz, Bettstätte, Supermarkt und Geldwechselstube in einem. Gemäß dem uns empfohlenen Prinzip »Erst verhandeln, dann kaufen« fange ich an, den Preis einer Flasche Wasser und eines Fladenbrotes zu erfragen. Der Verkäufer schaut mich fragend an. »Quelle prix?« frage ich nochmal. Keine Reaktion. »Zwei Flaschen Wasser und zwei Brote von denen da bitte«, sage ich auf Französisch. Das wird verstanden und umgesetzt. Dazu kaufe ich noch 200 Gramm Couscous, 100 Gramm Mandeln, 100 Gramm Erdnüsse sowie 100 Gramm von irgendwelchen Sesam-Kräcker-Kugeln.

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Der Händler fängt an, wild auf seinem Taschenrechner herumzutippen, schreibt dann alles nochmal auf einen Zettel und zeigt mir die Zahl. 20 Dirham.

Jetzt will er wissen, wo wir herkommen und wo wir hinwollen. Ich erkläre, dass unser wichtigstes Ziel Rissani sei. Darauf lädt er uns erst mal zu einem Tee ein. Er platziert zwei Stühle in seinem dunklen Laden und wir sitzen somit an einem Tisch, der mit trocknenden Datteln belegt ist. Probieren sollen wir sie, diese Palmenfrüchte. Lecker. Echt lecker.

Während wir Tee trinken erklärt er uns verschiedenste Wege, die alle nach Rissani führen sollen. Er malt auf einen Zettel -zig Straßen und Namen, erklärt auf französisch und arabisch und Karla und ich schauen uns an und fragen uns, was er da eigentlich erzählt.

Nach ungefähr einer halben Stunde ist der Tee ausgetrunken, der Zettel vollgemalt, der Bauch voll mit Datteln und wir wollen weiterfahren. Der Abschied ist herzlich, ich schaue mir das Gestik-Ritual für Grüße zwischen Männern an und mache es nach. Nach einem mittelfesten Händedruck wird die rechte Hand nochmal zum Herzen geführt, während man sich verbeugt.

Der Himmel zieht sich gegen Abend zu und wir kommen zu unserem Tagesziel Irghem.

Das ist ein ziemlich dreckiger Ort. Durchgangsort, Kreuzungsort. Und komplett ohne Frauen. Jedenfalls sehe ich keine. Vielleicht ist er deshalb so dreckig.

Durch die Erfahrungen mit dem netten Hotel aus Taroudant ermuntert und wegen des aufkommenden Regens nehmen wir ein Hotel, das von außen ganz annehmbar scheint, ohne vorher die Zimmer zu besichtigen. Das rächt sich schnell. Zimmer, Dusche, Klo – alles ekelhaft schmuddelig. Manchmal komme ich aus Zeitgründen zuhause auch für eine oder zwei Wochen nicht dazu, zu putzen. Wenn ich den daraus resultierenden Zustand meiner Wohnung mit dem Zustand dieses Hotels vergleiche, haben die hier seit zirka dem Bau dieses Hauses nicht mehr geputzt. Kakerlaken gibt’s nur deshalb nicht, weil es hier so kalt und normalerweise trocken ist. Und dann soll die Butze auch noch 200 Dirham kosten.

Na ja – wir packen unsere Schlafsäcke und Isomatten aus und werden uns wohl hier auf dem Zimmer mit dem eigenen Kocher ein Abendessen zubereiten. Ein Kellner kommt unaufgefordert und ohne Klopfen ins Zimmer (Schlüssel gibt es nicht) und fordert das Geld. Ich gebe ihm die 200 als einen Schein. Nach fünf Minuten kommt er wieder und gibt mir 140 zurück. Ich kapiere das nicht, frage aber auch nicht. Wir kochen uns eine Mischung aus Reis und Haferbrei.

Eine Landschaft, zum Sterben schön

20. November

Ich schlafe schlecht, das Haus ist sehr laut. Ich nehme die Ohropax aus den Ohren und höre Sturm und Regen. Ich stecke die Ohropax wieder rein und drehe mich nochmal um.

Gegen halb acht sind Karla und ich dann beide wach. Ein Blick aus dem Fenster (unser Zimmer ist fensterlos – ich muss raus und aus dem Flurfenster schauen) verheißt nichts Gutes: Regen, Wind, Kälte.

Für’s Frühstück werfe ich wieder den Kocher an, es gibt heißen schwarzen Tee, Oliven, Brot.

Auf der Straße dann entscheiden wir, nochmal in eine Teestube zu gehen, um die hellen Flecken oben am Himmel abzuwarten. Vielleicht bedeuten Sie ja, dass der Regen aufhört. Außerdem würden wir uns beide über eine süße Abwechslung unserer Morgen-Ernährung freuen.

In der Teestube, über der zwar »Patisserie« steht, in der es aber – außer frischem Brot – keine Backwaren gibt, werden wir freundlich begrüßt. Es sitzen ausschließlich Männer um die Tische und trinken Tee.

Als Karla und ich dann bedient werden und frühstücken, verlassen die Männer nach und nach die Stube und setzen sich draußen hin – in die Kälte und den Wind.

Wir beide fragen uns, ob sie das wegen Karla tun. Sie trägt schließlich kein Kopftuch und tritt ziemlich selbstbewusst auf.

Die hellen Flecken am Himmel bedeuten jedenfalls nicht, dass es aufhört zu regnen. Wir beschließen, jetzt loszufahren.

Von Irghem aus geht es Richtung Süden erstmal bergab. Mit jedem Höhenmeter runter wird es spürbar wärmer. Irgendwann hört dann auch der Regen auf. Und die Sonne findet immer wieder Wolkenlücken, durch die sie die Landschaft wie mit einem Bühnen-Scheinwerfer anstrahlt.

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Dann fängt es mal wieder an zu regnen. Der Regen lässt die Bergstrukturen glitzern, als seien sie mit Silber überzogen.

Da es jetzt nicht mehr so kalt ist, macht es mir überhaupt nichts aus, im Regen zu fahren. Im Gegenteil – es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass die Sonne gleich wieder heraus kommt und mich trocknet.

Und weil sich Sonne und Regen abwechseln, gibt’s auch schon mal Regenbögen. Rechts neben uns dicke Wolken mit Regen, links die Sonne. Zwei Kilometer weiter ist’s andersrum. Toll.

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Heute scheint irgendwie insgesamt der Tag der Landschaft zu sein. UNBESCHREIBLICH!!!

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Diese Farben, diese Formen, diese Komposition – grandios. Die Berge sind wunderbar konturiert – sie wirken wie vertikal geschichtet.

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Die Weite dieser Landschaft lässt mich über meine Endlichkeit nachdenken. Nein, ich bin nicht morbide oder krank oder mürbe oder erschöpft – aber mir kommt ad hoc der Gedanke: Hier könnte ich sterben – und es wäre gut. Dieses Gefühl hatte ich bisher nur auf dem Aletschgletscher in der Schweiz. Schön, dass sich meine Auswahl jetzt verdoppelt hat.

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Mit dem Wind macht sich die Nähe der Wüste bemerkbar. Sand wird durch die Luft geblasen. Der Wind ist so heftig, dass ich fast und Karla tatsächlich von der Straße geweht wird. Im Straßengraben müssen wir Zuflucht vor dem jetzt entwickelten Sandsturm suchen. Karla hat Sand unter ihren Kontaktlinsen und muss sie rausnehmen. Das funktioniert aber irgendwie nicht – vor allem nicht, wenn der Sand von allen Seiten kommt. Ich ahne, was es bedeuten muss, in einen richtigen und andauernden Sandsturm zu geraten.

Nach rund einer halben Stunde ist der Spuk zunächst vorbei und wir können weiterfahren. Der Wind ist zwar immer noch stark, er weht aber nun von hinten und drückt mich mit knapp 50 Sachen auf der Geraden in Richtung Tata. Karla lässt es ruhiger angehen, ich finde das total klasse und trete gut mit.

In der Zeit, in der ich auf Karla warte, kann ich immer wieder die Kamera aus der Lenkertasche holen und mich auf diese mir unbekannten Motive konzentrieren. Eine einzige Akazie – mitten in der Steinwüste hier. Warum nur sie? Wo sind die anderen? Warum genau hier?

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Wir brauchen noch Essen für heute Abend und schauen in einem Dorf an der Straße nach einem Laden. Fehlanzeige. Das Dorf wirkt wie ausgestorben. Ich schiebe mein Rad in Richtung Moschee und kann eine Frau beobachten, die des Weges geht. Als sie mich sieht, versteckt sie sich schnell.

An den Türen der Häuser sind die typischen Berber-Zeichen als Ornamente angebracht.

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Gegen fünf erreichen wir das Oued Tata, ein normalerweise ausgetrocknetes Flussbett, das aber durch den Regen der letzten Tage Wasser führt und die hiesige Oase mit dem Nass versorgt.

Hier finden wir einen wunderschönen Zeltplatz direkt am Fluss, kochen uns Couscous mit frischen Zwiebeln und Paprika und genießen die absolute Stille der Gegend und vor allem den tiefschwarzen Himmel mit einem Sternenbild, das ich schon ewig nicht mehr gesehen habe.

Selbst die Milchstraße ist wunderbar zu erkennen – bei uns in Europa ist das wegen der »Lichtverschmutzung« durch die Städte kaum noch möglich.

Ich schaue nochmal auf meinen Tacho: 28er Schnitt über den Tag. Eigentlich viel zu schnell für diese Landschaft. Und das sage ich als Radfahrer…

Prozessionen, Polizei, Persönliches

21. November

Kinder wecken uns – sind auf dem Weg zur Schule, schauen zu uns herüber, zögern, näher zu kommen. Schon lange habe ich diese süße Mischung aus Schüchternheit und Neugier nicht mehr gesehen.

Danach folgt eine kleine Ziegenherde. Die Hirtin ist in einen dunklen Talar gekleidet.

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In Tata findet eine Prozession statt. Die marokkanischen Nationalflaggen flattern im Wind. Diese blutroten Tücher allerorten finde ich sehr schön. Vor allem mit diesem dunkelgrünen Stern in der Mitte. Ich mag den Kontrast.

Ich weiß nicht ob es eine religiöse oder politische Veranstaltung ist. Jedenfalls singen die Männer (Frauen sind nicht dabei) Kanon-ähnliche Strukturen und Rhythmen. Die Schwingungen der Gesänge, die gleichmäßige Trägheit der Schritte, das Flattern der Fahnen – irgendwas wirkt da gerade sehr beruhigend auf mich. Stundenlang könnte ich zuschauen und zuhören, die Augen schließen und nur zuhören.

Wir entscheiden mit Rücksicht auf die Kultur der Menschen und auf die uns unbekannten Motive und Ziele dieser Prozession, ihr nicht weiter zu folgen sondern jetzt raus zu fahren – Richtung Wüste.

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Der nächste Ort ist 75 Kilometer entfernt: Tissint. Wir prüfen nochmal unsere Wasservorräte und fahren los.

Die Landschaft gewinnt an Weite, die Berge sind schwarz, braun, grün.

Kurz vor Tissint kündigt sich die Sahara an: Eine Art Schlucht ist in festen Sand gefressen. Die Strukturen werden durch die um diese Jahreszeit tief stehende Sonne wunderbar schattiert.

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In Tissint kontrollieren uns zwei Polizisten. Sie fragen wo wir herkommen, hinfahren und wo wir schlafen wollen. Ich antworte, dass wir heute nur noch kurz und morgen bis Foum-Zguid wollen. Wann wir dort ankommen, wollen die Männer wissen. Gegen vierzehn Uhr. Einer geht mit unseren Pässen ins Gebäude, ich frage den anderen ob es Probleme mit oder für uns allgemein und an der algerischen Grenze im Besonderen gäbe. Nein, keine Probleme, alles sicher, alles klar. Ich überlege schon, was uns das kosten wird, hier wieder weiterzufahren.

Was mich allerdings beruhigt, ist die Tatsache, dass das hier keine kleine Dorf-Polizei-Station ist, in der die eine die andere Hand wäscht. Hier gehen auch Zivilisten und Soldaten ein und aus. Und zwar dauernd.

Der Polizist, der uns bewacht, und ich unterhalten uns in einer Mischung aus Englisch und Französisch. Nach rund fünfzehn Minuten kommt der andere wieder raus und fragt nach unseren Berufen. Manager und Scientist. Beide wollen wissen, was das bedeutet. Ich frage mich, warum die das wissen wollen. Ist es richtig, zu signalisieren, dass man einen einträglichen oder bedeutungsvolleren Beruf als andere hat? Ach – Schnickschnack, was ist, das ist. Ich bleibe bei der Wahrheit, auch hier. Nach einer kurzen freundlichen Erläuterung fahren wir weiter.

Die Menschen hier sind irgendwie ganz anders als die Berber in den Bergen. Dunkler, viele Schwarzafrikaner. Wir kaufen uns noch Wasser, Brot und etwas Käse und fahren weiter. Karla fühlt sich nicht wohl hier als Frau mit nackten Beinen.

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Im Oued el Maleh finden wir einen Bilderbuch-Platz zum Zelten. Ein kleiner Fluss fließt hier und wir stellen das Zelt auf einen Rasenplatz, eingerahmt von Dattelpalmen. Die Datteln können wir einfach so vom Boden auflesen, waschen und essen.

Wir genießen den Luxus, uns und unsere Wäsche im Bach waschen zu können. Die Sonne malt beim Untergehen die Palmen orange und die Wolken lila an.

Abends im Schlafsack gehe ich mal meiner Frage nach, warum eine Reise zu zweit so ganz anders ist als eine Reise allein. Es hat überhaupt nichts damit zu tun, ob Karla und ich uns verstehen oder nicht, ob wir gleich kräftig sind oder nicht, gleiche oder unterschiedliche Biorhythmen haben. Es geht auch nicht darum, was besser oder schlechter wäre. Es geht darum, das »Anders« zu erkennen. Ich merke, dass wir gegenseitig emotionale Impulse aussenden, auf die wir gegenseitig auch reagieren und mal mehr, mal weniger tief eingehen.

Das bindet Zeit und Energie, die ich sonst für mein freies Denken, Fotografieren, Reden, Beobachten, Ausprobieren einsetze. Also gebe ich etwas auf, das ich sonst sehr schätze und von dem ich auf Reisen und auch hinterher sehr zehre.

Andererseits genieße ich die Diskurse, die Karla und ich führen. Ihre Sicht auf die Verhältnisse hier, die Schilderungen ihrer so ganz anderen Gefühle, die sie hier entwickelt. Das nehme ich mit und das bereichert auch meine Eindrücke.

Es ist eben »anders«, zu zweit zu reisen – nicht besser, nicht schlechter.

Und es ist ganz »anders«, mit jemandem zu reisen, den man noch gar nicht so richtig kennt, noch nie in körperlichen, emotionalen oder sozialen Extremsituationen kennen gelernt hat. Ich weiß nicht, ob ich das nochmal machen möchte.

Und für mich ist es auch ganz »anders«, mit einem Menschen zu reisen, den ich liebe. So wie mit meinem Sohn im Sommer von Goslar nach Berlin. Ich weiß, dass ich das gerne mal wieder machen möchte.

Ich. Arroganter Weltverbesserer.

22. November

Bis heute Nacht wusste ich nicht, wie Esel exkrementieren, fressen, stinken und schreien können. Nachts um vier prägt sich das aber schnell ein. Vor allem, wenn das Anschauungsobjekt genau zwei Meter entfernt agiert. Also wieder eine unruhige Nacht.

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Dafür entschädigt der Morgen. Die Sonne sorgt für thermische und optische Wärme.

Karla und ich entscheiden, erst in Mrimina einen Tee zu trinken und jetzt ohne Frühstück loszufahren.

Eine halbe Stunde später stehen wir an der Straße und schauen unsicher in Richtung des Dorfes. Einladend ist was anderes… Mrimina ist ein Wüstendorf, ähnlich einer Festung. Die Wege, die hineinführen, sind geschottert. Vor dem Dorfeingang sitzen ein paar Menschen, die im Schatten wahrscheinlich auf einen Bus warten. Karla fragt eine Frau in einem dieser typisch kräftig-farbigen Talaren, ob wir hier ein Brot kaufen könnten. Sofort kommt einer der Männer, die eigentlich woanders sitzen, um sich als Ansprechpartner zu präsentieren. Und er geht auch nicht auf Karla zu sondern auf mich. Er schickt uns rein ins Dorf, dort gäbe es eine »fête«, wo wir einkaufen könnten.

Langsam fahren wir über die Sandpiste ins Dorf, zwischen Lehmmauern und nahezu fensterlosen Häusern. Die Stille hier ist seltsam. Ich habe mich auf meinen Reisen noch nie so fremd gefühlt wie in diesem Moment. Noch nie so uneingeladen, so unwillkommen.

Die »fête« scheint irgend etwas Religiöses zu sein – der Eingang sieht aus wie der Eingang zu einer Moschee. Wir rollen weiter. An einer Ecke steht ein Schwarzafrikaner, ihn frage ich nach Brot. Ob ich hier welches kaufen könnte. »No!«, kurz und bestimmt. Ein älterer Beduine kommt hinzu, fragt auf arabisch nach. Nach einem kurzen Gespräch zwischen den beiden Männern sollen wir warten: »Attends!«

Der Alte geht in eines der Häuser und kommt mit einem halben Laib Brot wieder raus. Aus einem Nachbarhaus kommt noch ein Mann mit zwei kleinen Broten auf uns zu. Ich merke, wie die Menschen auftauen und sich die Mienen auf den Gesichtern erhellen. Als ich frage was ich zahlen soll, sind die Männer fast beleidigt. Ich gebe ihnen einen Erdnussriegel aus Deutschland, den ich noch als Notration in meiner Blechbüchse habe.

Jetzt sollen wir noch zum Tee ins Haus kommen. Karla winkt ab, ihr ist es zu mulmig. Wir bedanken uns ganz freundlich und verabschieden uns herzlich. Der junge Schwarze fragt nach meiner Adresse. Ich überlege nicht lange und schreibe sie ihm auf.

Dann fahren wir wieder zurück auf die Hauptstraße N12 und fragen uns, warum die Männer meine Adresse wollten – vielleicht als Anlaufpunkt in Deutschland. Karla und ich sind beide der Meinung, dass es richtig wäre, diesen Menschen in Deutschland zu helfen soweit das möglich wäre. Das sind keine Flüchtlinge! Das sind keine Extremisten! Das sind keine Verbrecher! Das sind keine Terroristen! Das sind keine Migranten! Das sind wunderbare, hilfsbereite und gastfreundliche Menschen, die unsere Gastfreundschaft genauso verdient haben wie sie uns ihre andienen.

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Nach zwei Stunden machen wir Pause. Eine Akazie spendet wohltuenden Schatten. Die Wüste meldet sich an. Karlas Vorderrad ist platt. Wir flicken es, ich wasche mir die Schmiere mit Sand und einem Mund voll Wasser von den Händen. Hier hat Wasser einen großen Wert. Auch wenn wir überall welches kaufen können (von Coca-Cola!), so haben wir doch Respekt vor dem Verbrauch. Mitten im Nichts in praller Sonne kann jeder Schluck lebenswichtig sein.

Kamele haben sich ja sehr gut an diese Bedingungen angepasst. Einige von ihnen überqueren direkt vor uns die Straße. Ihre Bewegungen und offenbar auch ihr Gemüt sind extrem unemotional. Für das Überleben in der Extremsituation »Hitze« optimiert. Während Karla versucht, eines der Tiere zum Bleiben zu animieren, denke ich darüber nach, was ich von diesen Tieren lernen könnte.

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Foum Zguid sehen wir schon von weitem. Dennoch sind es noch über zwanzig Kilometer bis dahin. Wir glauben das nicht – anscheinend täuscht uns diese Landschaft Entfernungen vor, die de facto viel größer sind.

Der Ort selbst ist ein Touristenort. Eine große Kaserne und ein Campingplatz begrüßen uns. Auf dem Hauptplatz kaufen wir Obst und Gemüse, danach essen wir Mittag in einem Restaurant. Ich bestelle ein Omelett – es kommen zwei Sorten Oliven, Brot und ein Rührei mit Tomaten. Lecker.

Ein großer Geländewagen hält direkt vor dem Restaurant – ein »originalgetreuer Touareg« und vier amerikanische Touristen steigen aus und setzen sich an den Nachbartisch. Karla und ich diskutieren, ob eine solche Form von Urlaub legitim ist oder nicht. Ich empfinde diese Sorte Touristen als Zoo-Besucher, die sich im Schutz ihrer Klima-Anlagen und Zoo-Führer durchs Land karren lassen und zwar viel fahren, aber absolut nichts wirklich »erfahren«. Was Land und Leute hier wirklich ausmachen, zum Beispiel. Wie sich ein Sandsturm anfühlt, zum Beispiel. Wie man sich begrüßt, zum Beispiel. Karla sieht in meiner Sicht ein wenig Arroganz und verweist darauf, dass nicht jede(r) mit dem Rad durch die Wüste fahren kann. Ist ja gut…

Ich bin noch bewegt von meinen Gedanken von vorhin und frage mich dennoch, ob diese Menschen ihre Einstellungen zu Reichtum und Armut auch mal aufgrund einer solchen Reise in Frage stellen. Oder ihre Einstellungen zu den sich andeutenden Süd-Nord-Wanderungsbewegungen (die sich zwangsläufig verstärken werden – allein schon wegen der demografischen Entwicklungen in der Welt). Ja, jetzt bin ich mal arrogant: Nein. Tun sie nicht. Die freuen sich, mit hundert Sachen im Jeep über die Wüstenpisten zu heizen und hinterher nur hundert Dirham für ein Vier-Gänge-Menü zu zahlen.

Ach – was rege ich mich auf… Nur eins noch: Ich kündige Karla an, dass, wenn jetzt ein holländisches Wohnmobil hier auftaucht, ich mich in den Sand werfe und eine halbe Stunde schreie. Diese Dinger und ihre Insassen haben mich in Südfrankreich im Herbst traumatisiert.

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Wir haben nicht mehr viel Zeit und fahren weiter. Die Berge rücken wieder enger zusammen und sind teils braunrot, teils grauschwarz, teils grünblau.

Gegen halb vier kaufen wir noch mal drei Liter Wasser. Die Kinder, die neugierig um uns herumstehen, lachen uns an. Ein kleiner Junge trägt ein Fußballtrikot von Real Madrid. Ich sage auf spanisch: »Real? – Pah! – Yo soy de Barcelona! Fue alli y miré a Messi y Xavi y David Villa!«

Der Kleine schaut erst scheu zu mir, dann lache ich, dann grölen die Barca-Anhänger seiner Kumpels angedeutete Fan-Gesänge und dann lacht die ganze Bande. Rufen gegenseitig die Argumente für und gegen die beiden Klubs. Die Erwachsenen wissen erst gar nicht was los ist, lachen dann aber auch mit.

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Direkt an einem Fluss finden wir einen schönen Platz für unser Zelt. Eine Horde Kinder hat hier wohl gerade gebadet und gespielt – auf dem Nachhauseweg lächeln und winken sie uns zu. Es ist ein besonderes Gefühl, in einem so freundlichen und jungen Land zu sein.

Falle

23. November

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Die erste Nacht, die wirklich ruhig war: Kein Wind, keine Esel, keine Autos, keine Fußball-Übertragungen. Bis auf unser gegenseitiges Röcheln, weil die Nasenschleimhäute mittlerweile ziemlich trocken sind. Aber das zählt nicht.

Bei strahlend blauem Himmel fahren wir los.

Die nächtliche und morgendliche Ruhe trügt – gegen zehn wird es windig. Gegenwindig.

Bei Imzil finden wir eine Herberge, die einen sympathischen Eindruck macht. Drei Kinder spielen mit Katzen, Hühnern, einem Hund und Ziegen in Hof und Garten.

Wir setzen uns vor das Haus, die Frau des Hauses sieht uns und ruft nach ihrem Mann. Wir bestellen Tee, Brot und ein Omelett. Letzteres war gestern noch in den Hühnern, die hier so rumlaufen.

Das unbeschwerte Spiel der Kinder lässt uns an unsere Kindheiten auf den Bauernhöfen unserer Großeltern erinnern. Ist die Zeit hier stehen geblieben?

Nach ausgiebiger Diskussion untereinander zahlen wir und fahren von nun an mal wieder bergauf. Wir wollen ins Vallee du Draa und müssen über einen Pass. Auf dem Pass ist es recht kalt, wir ziehen uns winddicht an.

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Karla ist bergauf stärker als ich, also kommt sie ein paar Minuten eher oben an als ich. Als ich nachkomme, diskutiert sie mit Torwärtern der Arhbar-Mine hier oben. Wir wissen nicht, was hier abgebaut wird – jedenfalls sind die Berge hier und das, was aus den Minen herauskommt, sehr blau.

Zirka fünf Kilometer vor Agdez, dem Tor zum Vallee du Draa, steht ein moderner Lieferwagen am Straßenrand. Ein Mann sitzt drin, ein anderer unterhält sich mit ihm durch das offene Fenster der Fahrertür. Beide begrüßen uns freundlich und fragen, ob wir eine Nachricht nach Agdez mitnehmen könnten – sie hätten kein Benzin mehr.

Hilfsbereit wie wir nunmal sind, glauben wir, den Marokkanern auch mal was zurückgeben zu können. Also warten wir ab, bis die beiden einen Zettel mit einer Weg-Skizze zu ihrem Verwandten in Agdez und einer Nachricht in arabischer Schrift voll gemalt haben.

In Agdez ist das Haus, zu dem wir fahren sollen, einfach zu finden. Davor stehen zwei Männer, die uns freundlich begrüßen und uns den Zettel abnehmen. Karla ist schon skeptisch: Warum erwarten die beiden uns?

Wir werden in einen Verkaufsraum geführt und zu einem Tee eingeladen. Und nun entwickelt sich das, was man gemeinhin »sensibles Verkaufsgespräch« nennt. Wir werden gefragt, wo wir herkommen und wo wir hin wollen. Rissani, unser nächstes Ziel, wird verrissen, stattdessen sollten wir doch besser nach Mhamid fahren, dort seien wesentlich schönere Dünen und weniger Touristen.

Der Verkäufer kennt zufällig auch jemanden, der dort Allrad-Geländewagen vermietet und Kamel-Touren anbietet.

Wir verdeutlichen, dass wir nur mit dem Rad fahren und auf Autofahren liebend gern verzichten.

Dann sollen wir die typischen Trachten der Touareg anziehen. Das finde ich wiederum gut – frage mich schon die ganze Zeit, wie die Menschen hier diese einfachen Tücher so um den Kopf binden, dass es gut aussieht und sehr funktionell gegen Kälte, Hitze, Sand und Regen schützt.

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Als wir ablehnen, die Tracht zu kaufen – aus sogar für ihn plausiblen Gründen: Wir haben schlicht keinen Platz im Gepäck – schüttet er Schmuck aus Mauretanien auf einen Teppich.

Noch in voller Tracht staunen wir: Alles Silber, Gold und Ebenholz, alles Handarbeit. Sagt er. Mir gefällt ein Armreif und ich bekunde Interesse. Damit schnappt die Falle offensichtlich zu. Nach einiger Diskussion kaufe ich zwei Armreife für »good price« – hoffnungslos überteuert wahrscheinlich. Aber wie ist es mit der Kunst? Wenn’s dir gefällt und du’s Geld hast, kauf’s.

Karla friert, ich auch, und wir wollen in ein Hotel. Kein Problem, sagt unser Gastgeber, er kennt einen Verwandten, der ein Maison betreibt: »Good price!«. Karla wird sauer, wir wollen in das Hotel, an dem wir vorhin vorbeigefahren sind. Unser Händler schreibt etwas auf arabisch auf einen Zettel und sagt: »No problem – give it to Ahmed – he will make good price.« Und morgen früh sollen wir hier nochmal vorbei kommen, um ein Auto und eine Kamel-Tour zu buchen. Ich bin fast soweit, mein Ehrlichkeitsprinzip über den Haufen zu schmeißen und »yes!« zu sagen, kann mich aber im letzten Moment noch zu einem »Maybe!« retten.

Draußen ziehen zur Kälte noch dunkle Wolken auf und wir wollen jetzt nur noch eine heiße Dusche. Das scheint Ahmed auch zu merken und fordert 300 Dirham für ein Doppelzimmer ohne Frühstück von uns. Ich gebe ihm den Zettel, er mir kommentarlos mit rollenden Augen den Zimmerschlüssel. Ich bin gespannt – Zahltag ist morgen früh.

Beim Abendessen fragen wir uns, ob wir hier einem Betrug aufgesessen sind. Oder zumindest einer schlauen Masche, ahnungslose Touristen in einen Verkaufsraum zu locken. Wenn das so war, dann ist das Ding mit dem trockengefahrenen Auto schon echt ein Hammer. Soviel zur marokkanischen Gastfreundschaft in Touristengebieten.

Ich weiß nicht, ob mir das peinlich ist. Aber ich weiß eben auch nicht, ob das alles gespielt war. Ich will das auch gar nicht wissen. Ich werde künftig aber misstrauischer sein. Obwohl misstrauische Leute unglücklicher sind als Leute, die eher vertrauensselig sind.

Vielleicht verkaufe ich die Armreife mit dieser Geschichte bei ebay und spende das Geld für einen guten Zweck. Einer Flasche Wein zum Vergessen, zum Beispiel…

Vom Aus- und Einsteigen in einer Kasbah

24. November

Mistwetter! Kälte, Regen, Wind! Super-Kombi für Radfahrer. Einer der erwartetungsgemäß schönsten Abschnitte fällt dann wohl ins Wasser: Das Vallee du Draa.

Beim Bezahlen des Hotels frage ich Ahmed nach dem Rabatt. »Non!« – klare Ansage. Ich zahle, verabschiede mich mit einem Lächeln, Ahmed lächelt vielsagend zurück.

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Auf dem Hauptplatz von Agdez kaufen wir noch ein paar Lebensmittel, trinken noch einen Tee und fahren dann aber auch los. Das Wetter wird ja durchs herum Sitzen auch nicht besser.

Die Straße nach Zagora ist eng und viel befahren. Die japanischen und alten französischen Laster haben alle ihre Auspuffrohre auf der rechten Seite auf Brusthöhe eines Radfahrers und pusten uns immer schön Ruß und Dieselgestank in die Nasen. Jedes Mal, wenn ich von hinten so ein Ding herandröhnen höre, hole ich tief Luft und halte diese für rund zehn Sekunden an, bis der Wind (Gegenwind!) den Qualm verdünnisiert hat. Bergauf verkürze ich diese Zeit zwangsläufig auf rund fünf Sekunden.

Karla trägt eine sehr gute Regenjacke. Eine in diesen tollen Farben, die gar nicht mehr wie Farben genannt werden. Das heißt ja heutzutage nicht mehr »Blau« sondern »Marine«, nicht mehr »Lila« sondern »Taupe«, nicht mehr »Gelb« sondern »Sonne« oder so…

Karlas Jackenfarbe jedenfalls würde ich bezeichnen als »Nasser-Fels-im-Vallee-du-Draa«. Was modisch sicher top ist, ist signaltechnisch für eine Radfahrerin im Regen auf einer vielbefahrenen marokkanischen Straße mit nassen Felsen im Hintergrund, auf der viele Autos nicht mal einen Scheibenwischer besitzen, eher suboptimal. Nach zwei bis drei sehr heiklen Situationen mit dem fließenden motorisierten Verkehr und zwei Stunden Regenfahrt entscheiden wir uns bei einer Tasse heißen Tee und einem super leckeren Omelett dafür, das Draa-Tal auszulassen und hier jetzt direkt über Tazzarine nach Rissani zu fahren.

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Die Straße führt bergauf Richtung Nordosten. Jetzt beginnt ein echter Kampf gegen den Wind. Karla hat die besseren Beine und fährt vorn. Ich sehe zu, dass ich im Windschatten bleibe.

Es ist komisch, aber die Landschaft hier gefällt uns beiden wesentlich besser als das, was wir vom Vallee du Draa bisher sahen. Und der Verkehr ist merklich ruhiger hier. Richtige Entscheidung also.

Wir haben den ganzen Tag Regenklamotten an, schwitzen so gut wie gar nicht. Heute zeigt sich mal wieder, was gute Sachen ausmacht. Meine Bremsen allerdings benötigen bei Regen eine unakzeptabel lange Bedenkzeit, bis sie ihrer bestimmungsgemäßen Funktion nachgehen. Das liegt wohl an der Beschichtung der Felgenflanken. Hält zwar ewig, aber funktioniert nicht bei Nässe. Ich merke es mir für die nächsten Bremsvorgänge. Bremsen werden meines Erachtens sowieso überschätzt an so einem Reiserad. Aber das darf ich, glaube ich, nicht schreiben. Hier und heute hat sie nun 5.000 Kilometer geschafft, meine Rocinante. Und das seit Frühjahr diesen Jahres. Ich bin stolz auf sie. Noch nicht einen einzigen Platten hatten wir. Geschweige denn einen anderen technischen Defekt. Wenn ich an das Drama mit meinem Trecker in Alaska denke… Nee, ich mag sie sehr, meine neue Begleiterin. Hoffe, dass wir es lange miteinander aushalten. Die Felgen haben jedenfalls noch keinen sichtbaren Verschleiß, die Bremsklötze auch noch nicht. Und ich bin schon vollbeladen durch die andalusischen Berge, die Pyrenäen, den Luberon, Verdon, die Seealpen und über den Alpenhauptkamm gefahren. Und den Antiatlas jetzt hier. Also: Ein Rundumsorglosfahrrad. Danke, liebe Leute von Idworx. Meine Rocinante kommt, so wie sie jetzt ist, meiner Vorstellung von einem perfekten Reiserad schon sehr nahe. Einzig der Name gefällt mir nicht so: Easy TiRohler hört sich ein wenig nach österreichischer Reiseagentur für Menschen mit begrenztem Horizont an. Und die Abkürzung »ETiR« würde ich eher mit einem animalischen Pedelec assoziieren. Für mich ist’s meine Rocinante.

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Gegen Abend erreichen wir einen Durchgangsort (den Namen will ich unter Hinweis auf den folgenden Dialog und mit Rücksicht auf unsere Gastgeber nicht nennen) und entscheiden uns für eine warme Dusche nebst Hotel. Am Ortseingang winken uns zwei Männer zu und zeigen uns ihre Kasbah. Eine wunderschöne Anlage! Aber 800 Dirham wollen sie für die Nacht. Wir verdeutlichen, dass das unser selbst gestecktes Budget überschreiten würde. Ich signalisiere allerdings Verhandlungsbereitschaft. 700 – nächste Stufe. Meine Lektion habe ich ja in Agdez gelernt. »400«, sage ich – das wäre sowieso schon zu viel, aber unser Maximum. »600«, der Hotelier. »Non, pardon«, ich. »500, demi-pension inclusif«, der Hotelier. Mir ist das fast schon peinlich, da ich mich hier auch gar nicht ausgenommen fühle. Dem Hotelier fällt das wohl auch auf, insofern habe ich das Gefühl, dass er mich versteht und es mir dann auch nicht schwer macht oder mir ein schlechtes Gewissen vermittelt. Ich schaue Karla bittend an, sie ist einverstanden. Ich auch, der Hotelier auch.

Die marokkanischen Hoteliers sind bessere Betriebswirte als die in Alaska.

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Das war eine wirklich gute Entscheidung! Ich habe mich in meinem Leben bisher noch nie so wohl in einem Hotel gefühlt. Die Anlage ist ein Traum. Ganz liebevoll arabisch eingerichtet, ein Garten mit blühenden Blumen und mit Pfauen, die darin herumlaufen. Lese-Ecken im Haus und sehr geschmackvoll gestaltete Zimmer.

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Beim Abendessen lernen wir ein englisches Paar kennen, das letzten Samstag heiratete und nun in den Flitterwochen ist. Sie werden irgendwo um die vierzig sein. Phil arbeitete bei Procter & Gamble im Marketing, Rown in einer Werbeagentur. Doch seit vier Jahren ist er Wanderführer in Chamonix und sie studiert Medizin in Oxford. »Financial suicide!«, sagt Phil, aber jetzt macht er das, was ihm Spaß macht (bis auf die »idiots«, mit denen jeder hin und wieder zu tun hat) und Rown hat ihre Berufung gefunden. Wir diskutieren über Auswege für eingefahrene Wege und Sackgassen im Leben. Die beiden sind total nett und Phil ist mit einer typisch britischen Selbstironie beschlagen. Ich glaube, dass letztlich den meisten Menschen einfach der Mut fehlt, ihre vorgezeichneten Wege zu verlassen. Selbst wenn sie ihre Wege noch nicht mal selbst geplant haben: Lieber das bekannte Unglück als das unbekannte Glück. Da unterscheiden sich Menschen mit einer eher neugierigen Disposition von denen mit einer eher ängstlichen. Die wirklich wichtigen Beziehungen, Dinge und Situationen im Leben hängen nicht vom Bankkonto ab. Wir geben unser Geld zumeist für Sachen aus, die aus Sicht der Glückseligkeit von eher untergeordneter Bedeutung sind. Im Gegenteil: Besitz macht ängstlich und kostet Zeit und Nerven. Angst vor Verlust, Fragen nach Anlagealternativen, Neid auf andere, Neid der anderen, und so weiter.

Ich bin dieser Meinung nicht etwa deshalb, weil ich mir meine »Armut« schön reden will. Nein – mein finanzielles Polster ist meiner Situation angemessen und wird in absehbarer Zeit dafür sorgen, dass ich noch mehr unterwegs sein kann.

Besser kann ich Geld doch nicht anlegen: Zeit und Erinnerungen. Zeit mit mir, Zeit mit den Kindern, Zeit mit der Natur, Zeit mit anderen Menschen, Zeit in anderen Kulturen, Zeit für Reisen – Denken – Leben. Was soll ich mit einem dicken Auto? 30.000 € für eine Blechbüchse? Das wären – von netto auf brutto umgerechnet – rund sieben Monate Zeit! Eine Reise durch Mexiko, Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Costa Rica und Panama mit einer Runde um Kuba. Mindestens.

Was für ein Wert! Und was machen all diejenigen Menschen in meinem Umfeld, die immer jammern, sie würden auch gerne mal aussteigen? Ein Auto, eine neue Küche, ein Anbau am Haus, ein Swimmingpool – das sei doch was Reelles! Gefangen. Gefangen in Traditionen, in archaischen Leidenschaften: Sammeln, Jagen, Verteidigen.

Ich habe letztens einen Vortrag von einem Professor aus Oldenburg gehört, Niko Paech heißt er. Er sagt, dass wir unsere Welt nur dann retten können, wenn wir nicht nur auf Wirtschaftswachstum verzichten sondern unsere Wirtschaftsleistungen um mindestens fünfzig Prozent schrumpfen würden. Postwachstumsökonomie nennt er das.

Ich wäre dabei! Halbe Arbeit, halbes Geld, drittel Steuern, doppelte Zeit zur freien kreativen Disposition, Klimaschutz inklusive. Wie gesagt: Wenn die Kinder ihr eigenes Geld verdienen, könnte das für mich Realität werden. Vorher werde ich ihnen noch empfehlen, in Oldenburg Postwachstumsökonomie zu studieren. Wer soll’s denn umsetzen, wenn nicht die Kinder? Ach ja – ich kann ja auch.

Am liebsten im Jahreszeitenrhythmus: Halbes Jahr arbeiten, halbes Jahr aussteigen. Oder ein Jahr arbeiten, ein Jahr aussteigen. Wieso eigentlich AUSsteigen? EINSTEIGEN!!!

Aber ganz so konsequent wie die beiden Briten werde ich nicht sein. Auch nicht sein wollen. Ohne Arbeitsphasen keine Vorfreude auf die Reisephasen. Vergleichbar mit den Jahreszeiten: Ohne Winter wäre der Frühling für mich nur halb so schön. Und selbst der Winter hat wunderbare Momente, die der Frühling nicht hat. Also werde ich ziemlich locker in die Zukunft sehen und gehen.

»Silou! Silou!«

25. November

Wir haben ein tolles Frühstück: Frisch gepresster Orangensaft, Eier, Käse, Butter, Feigen, Marmelade und frische Blätterteig-Omeletts. Das alles passt wunderbar in das Gesamtkonzept dieses Hotels. Wenn ich irgendwann mal aussteigen sollte und ein Buch schreiben wollte, würde ich mich genau hier für ein paar Monate einquartieren. Aber: Wir wollen weiter.

Unsere Gastgeber verabschieden uns herzlich, ich gebe ihnen ein großzügiges Trinkgeld.

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Die Sonne scheint wieder, der Wind hat sich beruhigt und es rollt gut. Gegen zehn frischt er aber wieder auf – der unsichtbare Gegner. Das heißt: Hier ist er sichtbar, wenn sich in der Ferne Sandwolken um sich selbst drehen wie Eiskunstläufer bei Olympia. Die Landschaft in Richtung Tazzarine und Alnif vermittelt weiterhin Weite bis zum Horizont. Rechts und links Berge, von denen die höchsten im Norden mit frischem Schnee bedeckt sind. Grandioses Panorama. Einzig mein Darm grummelt ein wenig – letzte Nacht hatte ich Durchfall. Wahrscheinlich vom frischen Koriander, der das Abendessen garnierte. Eine Immodium-Tablette hilft, dass ich das Frühstück bei mir behalte.

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Der Wind bläst uns kalt entgegen – wir ziehen uns warm an. Im Norden sind wieder Regen- und Gewitterwolken zu sehen, die uns Sorgen machen. Zumal der Wind aus Norden kommt, wir in Richtung Norden fahren und es keine Möglichkeit gibt, abzubiegen. In den kleinen Dörfern, durch die wir fahren, kommen uns immer wieder Kinder entgegen- und hinterhergelaufen. »Silou! Silou!«, rufen sie (jedenfalls höre ich das so) oder »Bonbon! Bonbon!«. Manche rufen nicht nur und warten ab sondern fordern regelrecht. Das ist bisweilen lästig. Es sind eben immer so viele Kinder (eigentlich ja nur Jungen), dass wir tütenweise Bonbons mitführen müssten, wenn wir alle gleich behandeln wollten. Wenn wir mal Pause vom Wind machen wollen, geht das hier nur in den Orten, da nur Mauern oder Gebäude einen nennenswerten Schutz bieten. Aber sobald wir stehen, kommen die Kinder. Wenn einheimische Erwachsene dabei sind, halten sich die Jungen zurück, sind weniger forsch oder aggressiv.

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Bei Ait Saadane setzen wir uns, um Brot und Datteln zu essen. Nach drei Minuten sind rund zehn Jungen um uns versammelt – alle so zwischen sechs und zwölf Jahre alt. Wir wissen gar nicht, wo die alle herkommen. Auf ihr »Silou! Silou!« zeige ich ihnen meine Datteln – gerne gebe ich welche ab. Aber das wollen sie nicht – sie wollen (sic!) Geld oder Bonbons. Sie beginnen, mit Lehmklumpen und Steinchen auf unsere Räder zu werfen. Ich schaue zwei von ihnen böse an und hebe meinen Zeigefinger. Dann lassen sie’s auch bleiben. Aber mir stellt sich die Frage, was ich machen soll, wenn sie mit Steinen auf uns werfen. Schimpfen? Dann lachen sie mich aus. Zurückwerfen? Was, wenn ich einen träfe? Schlagen oder festhalten? Dann hab’ ich’s mit der ganzen Familie zu tun. Abhauen? Das würde sie animieren, uns etwas hinterher zu werfen. Die beste Erfahrung habe ich gemacht, wenn ich freundlich und bestimmt das »Silou« ablehne, in Dorf-Nähe nicht anhalte und wenn, dann dort wo andere Erwachsene sind. Je älter, desto besser. Letztere dann freundlich mit »as-salamu!« grüßen und die Kinder sind nicht mehr frech.

Wenn Kinder dennoch auf freier Strecke zu aufdringlich werden, dann habe ich die Erfahrung gemacht, sie böse und grimmig anzuschauen und mit fester lauter Stimme zu reden. In welcher Sprache, ist egal. Da kommt es eher auf entschlossene Körpersprache und Phonetik an.

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Gegen vier Uhr nachmittags frischt der Wind nochmal stärker auf und wir sehen eine sehr dunkle Gewitterfront auf uns zukommen. Karla kriegt trotz Kapuze und eng anliegender Sonnenbrille wieder ein paar Sandkörner unter ihre Kontaktlinsen und kann von einer Sekunde auf die nächste nichts mehr sehen. Da sie hinter mir fährt, bemerke ich erst mal nichts. Erst nach rund hundert Metern drehe ich mich um und sehe sie auf der Straße stehen. Der Wind wirft ihr Fahrrad um, sie steigt in den Straßengraben, um Schutz zu suchen. Ich fahre zurück und bemerke, dass sie ziemlich starke Schmerzen haben muss. Ich kann das nicht nachvollziehen, da ich noch nie Kontaktlinsen auf den Augen hatte. Karla kann ihre Augen kaum öffnen, die Linsen sind offensichtlich verrutscht, hier kann sie sie nicht herausnehmen. Wir müssen warten bis der Schmerz nachlässt. Letztendlich schafft sie es, die Linsen abzunehmen und ihre normale Brille aufzusetzen. Dennoch sieht sie zunächst erst mal nur wenig. Wir sind hier allerdings mitten im Nirgendwo, eine Gewitterfront kommt auf uns zu und wir müssen weiter. Ich fahre vorneweg, jetzt biete ich mal Windschatten. Das Unwetter scheint durch die Berge etwas aufgehalten zu werden, die ersten Regentropfen erreichen uns dennoch.

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Der Wind wird zum Orkan, wir sehen einen Ort in rund einem Kilometer Entfernung. Mit einstelliger Geschwindigkeitsanzeige kriechen wir mit voller Kraft den mittlerweile schwarzen Wolken entgegen. Gerade beginnt es zu regnen, da erreichen wir eine Kasbah gleich am Ortseingang. Punktlandung! Unser Zelt hätten wir bei dem Wind in der vegetationslosen Ebene kaum aufgestellt bekommen.

Der Hotelier will 600 Dirham mit Halbpension, unsere Situation gibt keine gute Verhandlungsposition her. Wir schlagen 400 ohne Essen vor und einigen uns auf 500 mit Halbpension.

Trotz der Umstände sind wir heute in fünfeinhalb Stunden 87 Kilometer gefahren und jetzt schon kurz vor Alnif.

Spannend, zu sehen, wozu Menschen in der Lage sind. In Extremsituationen. Für mich war es eher eine körperliche Herausforderung und Anstrengung. Karla hat der Wind eher mental herausgefordert.

Mehr zu dieser Reise im Blog »Reisen – Denken – Leben«.

Zum Autor

Jörg Gondermann (geb. 1961) wohnt und arbeitet in Hannover. Er fotografiert und beschreibt seine Reisen in seinem Blog »Reisen – Denken – Leben« .