Fahrradzukunft

Ausgabe 16

September 2013

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Oh look … It’s Bicycle Repair Man on a bike!

Das Fahrrad als Produktionsmittel: Fahrradreparaturen vor Ort

von Norbert Winkelmann

Seit mittlerweile zehn Jahren betreibe ich in Berlin die RadAmbulanz, eine mobile Fahrradwerkstatt, mit der ich als Kleinunternehmer kleinere Fahrradprobleme vor Ort beseitige.

Bild 1: RadAmbulanz unterwegs

Auch wenn platte Reifen mindestens ein Viertel des Umsatzes ausmachen, bin ich trotzdem nicht so oft als »orangener Engel«, als Retter aus akuter Not unterwegs. Die KundInnen bleiben selten am Ort des Unglücks stehen, um mich anzurufen und sofort herbei zu bitten. Die meisten schieben dann doch erstmal das Rad zur Arbeitsstelle oder zum nächsten U-Bahnhof und rufen mich danach an, um sich mit mir zu verabreden.

Aber ein größerer Teil der KundInnen bestellt mich auch für nicht-akute Probleme wie abgefahrene Bremsklötze oder auch die Frühjahrsinspektion, weil es viel komfortabler ist, das Rad nicht abgeben zu müssen, sondern gleich nach dem Termin damit weiter fahren zu können.

Fast alle meine StammkundInnen sind Alltagsradler. Die Sportler bestellen mich eher selten, vermutlich weil sie ihr Fahrrad sowieso im Auto transportieren und es dann auch gleich in die Werkstatt bringen können. Und die Gelegenheitsfahrerinnen bestellen mich einmal, sind begeistert, aber vergessen mich bis zum nächsten Defekt wieder.

Transportrad

Natürlich komme ich mit dem Fahrrad zur KundIn, hierfür habe ich mir ein einspuriges Transportfahrrad selbst gebaut. Selbstverständlich würde auch ein käuflich erwerbbares Modell funktionieren, z. B. das Bullit, der Long John oder Long Harry oder das Yuba Mundo. Ein Kollege und Mitbewerber fährt auch mit seinem mit diversen Taschen und Koffern bepackten Reiserad zur KundIn. Aber einspurig sollte es schon sein, ein Dreirad ist für die (egal in welchem Ort) sicherlich zu fahrenden Streckenlängen zu schwerfällig.

Natürlich könnte man das Gewerbe auch mit einem Auto betreiben. Wenn es sich um einen ausreichend großen Transporter handelte, könnte man überdacht und beheizt arbeiten und es wäre kein Problem, stets das eine oder andere Ersatz-Laufrad dabei zu haben … Aber wenn man das durchrechnet, kommt man zum Ergebnis, dass jede Reparatur mindestens fünf Euro teurer sein müsste: Den Kosten des Fahrzeugs steht im innerstädtischen Bereich keine wirkliche Zeitersparnis gegenüber. Und fünf Euro mehr für einen platten Reifen ist schon ein erheblicher Unterschied.

Bild 2: Montageständer mit Transportfahrrad kombiniert
Bild 3: Das Transportrad als Abschleppfahrzeug:
Die Gabel des zu ziehenden Rades wird auf Höhe meiner Hinterachse an spezielle Haltelaschen angeschraubt, die beiden Schrauben bleiben drehbar im Rahmen und bilden so die waagerechte Achse des Kardangelenks. Als senkrechte Achse fungiert das Steuerlager des gezogenen Rades, wobei dieses wegen des geneigten Winkels beim Fahren um enge Kurven zum Umkippen tendiert.

Werkstatt

Als eigentliche Werkstatt fungiert eine an meine aufklappbare Kiste geschraubte Montagekralle plus eine kleine Werkzeugkiste, gearbeitet wird draußen (oder in den Räumen, die mir zur Verfügung gestellt werden). Dies ist hier in Berlin, wo es nicht so häufig regnet wie im mittleren Deutschland, relativ unproblematisch. Allerdings sind natürlich auch Lösungen mit einem großen Schirm vorstellbar. Ich ziehe jedenfalls meistens das Arbeiten an meinem Arbeitsplatz, halb geschützt durch Unterstellen unter einem Erker, dem vom Kunden angebotenen Fahrradkeller vor – dort würde ich dann auf dem Fußboden arbeiten und mehrmals hin und her rennen müssen, um die nötigen Teile zu holen.

Bild 4: Inhalt meiner Werkzeugkiste

Die Werkzeugauswahl ist so knapp wie möglich, damit ich möglichst wenig Gewicht durch die Gegend fahren muss: so verzichte ich (bis auf 8/10) auf Ringschlüssel, habe außer Wasserpumpenzange und kleinem Seitenschneider keine Zangen (Abisolieren erledige ich mit dem kleinen Cutter, Schaltzughülle schneide ich Draht für Draht mit dem Seitenschneider, Schlösser knacken geht nur auf Vorbestellung) und verzichte auf uralte Schraubkranzabzieher und Tretlagerwerkzeug (da müssen die KundInnen schon vorher Bescheid geben, wenn’s Tretlager dran ist. Das ist aber einer der wenigen Defekte, den die meisten richtig beschreiben).

Für manche Probleme habe ich mir schöne Lösungen einfallen lassen: statt der Kettenpeitsche habe ich einfach ein Stück Kette an meine Kiste geschraubt und nutze diese als Hebel; um Schraubkränze runter zu bekommen, muss ich mir mit dem Laufrad und Abzieher in der Hand im öffentlichen Raum eine Struktur suchen, in der ich den Schraubenschlüssel einklemmen kann, um genug Kraft ausüben zu können (also ein Fenstergitter oder Fahrradständer oder ein Zaun, irgendetwas habe ich bisher immer gefunden).

Bild 5: In die Kiste integrierte Kettenpeitsche
Bild 6: Demontage eines Schraubkranzes

Ersatzteile

Die mitgenommenen Teile bestimmen letztlich, was ich unterwegs auch reparieren kann – und hier ist die Beschränkung auf bestimmte Varianten am schwierigsten:

So habe ich mich entschieden, nur drei Ersatzdecken dabei zu haben: 37-622, 42-622 und 47-559, jeweils mit Straßenprofil. Habe ich jetzt also ein echtes MTB mit defektem Reifen, muss die Kundin entscheiden, ob sie den relativ schmalen Straßenreifen nimmt, oder ob sie selbst schnell zum nächsten Fahrradladen läuft, oder ob ich wiederkomme und sie das ein zweites Mal bezahlt. Keine schöne Situation, aber hier in der Stadt bestellen mich nun mal sehr wenige Sportler, und ich habe schon mehrfach den »echten« MTB-Reifen über ein halbes Jahr durch die Stadt gefahren, ohne ihn einmal zu brauchen.

Bild 7: Teilesammlung

Für mich bedeutet diese Beschränkung auf das Nötigste, dass ich vor jedem Einsatz die KundInnen befragen muss, was denn kaputt ist, und entsprechend renne ich vor dem Losfahren stets in den Keller, um die heutigen Teile einzupacken. Höre ich das Schlüsselwort »Hollandrad«, packe ich gleich noch einen 635er Reifen und eine breite Kette mit ein, egal ob’s um Reifenprobleme geht oder nicht (in Bocholt oder Düsseldorf hätte ich den Reifen allerdings auch immer dabei, hier in Berlin fahren wirklich wenige Holländer).

Trotzdem ist meine Quote der erfolgreich reparierten Fahrräder – auch ohne extra Vorbereitung – ziemlich hoch, bei über 95 %, was an einer ziemlich durchdachten Teilesammlung liegt: So habe ich z. B. einen »Mantelflicken« dabei, eigentlich zur Reparatur schlauchloser Reifen gedacht. Wenn also eine wirklich große Scherbe einen längeren Schnitt gemacht hat und ich nicht den passenden Reifen dabei habe, kann ich zumindest den alten wieder benutzbar machen.

Aber ich bediene nicht nur Reifenpannen, ich habe dabei:

  • Bremsklötze für V-, Canti- und hydraulische Bremsen (aber keine mehr für Rennbremsen und noch keine für Scheibenbremsen)
  • Brems- und Schaltzüge sowie eine SRAM Clickbox (aber keinen Positron-Zug mehr) – Hydraulik fasse ich nicht an
  • Scheinwerfer, Rücklichter, einige Rückstrahler und sogar noch Dynamos (aber nichts mehr mit Glühbirnen, im Winter nehme ich auch noch Batterieleuchten mit)
  • Ketten und Kassetten für 7- bis 9-fach sowie einzelne Ersatzkettenräder (aber weder eine breite Kette noch Schraubkränze, und die 5-Loch-Kettenräder fliegen auch bald raus)
  • eine Sammlung von je zwei der gängigsten Speichenlängen zwischen 248 und 298 mm, alle in 2 mm, dazu Reduziernippel für die groß gebohrten Felgen
  • einen Seitenständer, ein Paar Pedale und natürlich eine ordentliche Sammlung von Kleinteilen und Schrauben
Bild 8: Kleinteile
Bild 9: Schrauben
Bild 10: Schmiermittel – alles aus Großgebinde abgefüllt.
Hintere Reihe von links nach rechts: Sattelfett, Mehrzweckfett, Spezialfett für Bowdenzüge, Polfett für elektr. Kontakte, Titanfett.
Mittlere Reihe von links nach rechts: Reinigungsbenzin, Oil of Rohloff, Ballistol, WD40, Nähmaschinenöl.
Vordere Reihe: Kontaktkleber, Rollenbremsenfett, Schraubenkleber.

Preisstruktur und Verdienstmöglichkeiten

Ich nehme für die Anfahrt eine entfernungsabhängige Pauschale von 10–25 €. Für alles, was danach kommt (Teile und Arbeit), berechne ich ähnlich wie die Fahrradläden. Teilweise kann ich hier etwas günstiger kalkulieren: Zum Einen, weil ich die Fixkosten des Ladens nicht habe, zum Anderen, weil ich bei meinem eingeschränkten Teileprogramm manche Teile in Großmengen günstiger bestellen kann (da ich bestimme, welche Bremsklötze ich dabei habe, bekommen alle die gleichen – und wenn ich 200 Paar bestelle, gibt mir mein Großhändler schon mal 20% Rabatt).

Reich zu werden ist mit Fahrradreparaturen bekanntlich nicht möglich, aber wenn ich es schaffe, bei kalkulierten vierzig Euro pro Stunde am Ende nach Abzug der Kosten auf zwanzig zu kommen, ist es bei angemessener Auftragslage schon möglich, sich ohne zusätzliche Minijobs zu finanzieren.

Voraussetzungen

Fahrräder reparieren sollte man schon können und Spaß am Radfahren ist auch nötig. Ansonsten kann man einfach ein Gewerbe anmelden und sich (so man keinen Meisterbrief hat) schon mal gedanklich auf die Auseinandersetzung mit der Handwerkskammer einstellen.

Im Fahrradgewerbe gibt es vier Ausnahmeregelungen für diesen Fall:

  1. Bei der HWK eine Ausnahmegenehmigung beantragen (ab einem Lebensalter von 47 Jahren und/oder bei langfristiger Beschäftigung in der Fahrradbranche ist das möglich).
  2. Der »unerhebliche handwerkliche Nebenbetrieb«, wo man bei gleichzeitig betriebenem Einzelhandel nebenher reparieren darf. Mit dieser Ausnahme reparieren die meisten kleineren Fahrradläden. Bei dieser Variante sollte Stress mit der Handwerkskammer nicht so wahrscheinlich sein, allerdings muss der Einzelhandel auch mindestens die Hälfte des Umsatzes ausmachen, zudem sind bestimmte Formen der Werbung hierbei eingeschränkt.
  3. Das sogenannte »Minderhandwerk«, wenn man nur einfachere Arbeiten macht, die nicht wesentlich für das Handwerk sind bzw. die ein Ungelernter innerhalb von drei Monaten erlernen kann. Dies ist in der Handwerksordnung nicht sehr eindeutig formuliert, und es gibt auch noch keine Urteile, die die Grenzen des Minderhandwerks in der Fahrradbranche klarer ziehen.
  4. Alle, die ihre Fachkenntnisse im Ausland erworben haben und dies irgendwie nachweisen können.

Erheblich ausführlicher und kompetenter informiert hierzu der Bundesverband unabhängiger Handwerkerinnen und Handwerker.

Finanzierung

Am Anfang hatte ich mir mein Fahrzeug und mein Telefon besorgt und zunächst für ca. 2.000 € Ersatzteile gekauft. Damit kann man durchaus anfangen, eventuell auch mit weniger. Dann hat man anfangs eben keine exotischen Sachen rumliegen und muss gelegentlich, z. B. für den 18-Zoll-Ersatzreifen in den nächsten Fahrradladen gehen – was dann auch die Gelegenheit ist, mit denen ins Gespräch zu kommen, unter Anderem um ihnen klar zu machen, dass man gar nicht so sehr Konkurrenz ist, sondern sich gut ergänzen kann.

Im Lauf der Zeit habe ich dann aber doch immer mehr in mein Teilelager investiert, weil ich einfach keine Lust habe, für jeden blöden Schalthebel irgendwohin zu rennen. Also habe ich inzwischen für mehr als 10.000 € Teile auf Lager, und man kann sich natürlich auch einen entsprechenden Kredit nehmen und gleich klotzen. Ein Existenzgründungsplan, der lediglich vierstellige Investitionssummen vorsieht, wird auch von keiner Bank und keinem Berater ernst genommen.

Werbung

Ein schwieriges Kapitel: Ich hatte anfangs tausende Kärtchen an parkende Fahrräder gesteckt, Aufkleber verklebt und verteilt, bevor der erste Anruf kam. So richtig los ging es erst, als die lokalen Zeitungen über mich berichtet haben. Das machen die auch gern, schließlich ist ein mobiler Fahrradservice eine Attraktion und gibt auch schöne Bilder und Berichte, aber man muss es irgendwie schaffen, in ihren Aufmerksamkeitsfokus zu geraten.

Natürlich ist ein auffälliges Gefährt, auf dem man oft gesehen wird, eine der besten Formen der Werbung.

Aber die meisten NeukundInnen kommen direkt über die Web-Suche zu mir. Hierfür ist es wichtig; die Internetseite auf die gewünschten Suchworte zu optimieren (in meinem Fall »Fahrradreparatur« und »Berlin«, aber auch »Fahrradwerkstatt«, »Fahrradladen« und diverse Stadtteilnamen). Zu meinem Glück gibt es hier nicht so viele Fahrradläden, die auch darum bemüht sind, ganz weit vorne zu stehen bei den Suchergebnissen. Ansonsten kann man genau dafür ja auch pro Klick bezahlen.

Als gut eingeführtes Geschäft kann ich es mir leisten, auf eine Facebook-Präsenz komplett zu verzichten. Aber um heute ein Unternehmen zu starten, dürfte diese inzwischen unausweichlich sein.

Zufrieden?

Also, ich schon! Für mich bietet diese Geschäftsidee die Möglichkeit, ohne den großen Wust an Verbindlichkeiten als Teilzeit-Selbstständiger mit einer durchschnittlichen Wochenzeit von 15 Stunden zu arbeiten. Während der Arbeit bin ich ständig draußen und darf einen größeren Teil dieser Zeit auch noch bezahlt Fahrrad fahren.

Natürlich fehlen die Absicherungen der angestellten Arbeit wie bezahlter Urlaub etc, aber ich kann frei organisiert den KundInnen zu- oder absagen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen oder gleich um meine Existenz fürchten zu müssen (wie es vielen anderen Selbstständigen geht, bei denen an jeder potentiellen Kundin gleich das Einkommen von zwei bis vier Wochen hängt). Wenn ich nicht gerade im Mai und Juni ausgedehnten Urlaub mache, sind die KundInnen meist sehr tolerant, wenn ich mal nicht da bin.

Bild 11: Am Wannsee
Bild 12: Ortstermin vor der Kantine – Viele Firmen bestellen mich im Frühjahr, um ihren MitarbeiterInnen einen kostenlosen Fahrradcheck anzubieten

Kollegen

In Berlin gibt es drei weitere mobile Dienste. Wir verstehen uns gut, treffen uns auch gelegentlich zum Erfahrungsaustausch, sind aber doch so sehr Zwangsindividualisten, dass wir es nicht schaffen, uns zusammen zu tun und unter einem Namen mit einer Telefonnummer zu werben.

Keine Erwähnung finden in dieser Liste die autobasierten mobilen Dienste, meistens Abhol- und Zurückbringdienste.

Außerhalb Berlins fand ich diese zwei Dienste:

Wenn man nach »mobilem Fahrradservice« googelt, finden sich viele Einträge für ganz Deutschland, aber es ist nicht so einfach herausfinden, welcher Art das Unternehmen ist.

Klar ist aber, dass es noch reichlich Platz für weitere mobile Fahrradwerkstätten gibt, in den meisten Großstädten sollte das gut funktionieren. In Berlin zum Beispiel könnten sicherlich auch zehn Leute ihr Auskommen damit finanzieren.

Zum Autor

Ich bin 48 Jahre alt, fahrradverrückt seit frühester Kindheit. Seit den frühen Achtzigerjahren repariere und baue ich Fahrräder auf, musste mir zur Kompensation des ersten Fahrrad-Verlusts (mein Vater warf es in den Abfallcontainer) diverse Liegeräder mit 12-Zoll-Bereifung bauen und hatte bereits 1984 einen eigenen Gebrauchtradladen. Nach diversen anderen Projekten betreibe ich nun seit über zehn Jahren die RadAmbulanz in Berlin. Fragen zu weiteren Details meiner Unternehmung beantworte ich gern: mail|Spamschutz: Text zwischen senkrechten Balken entfernen|@radambulanz.de

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