Fahrradzukunft

Ausgabe 11

April 2010

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Lastenanhänger mit Klappdeichsel – von der Idee zum Produkt

von Bernd Brettner

Bedarf

Wer das Fahrrad als ernstzunehmendes Alltagsfahrzeug nutzt, kommt irgendwann in die Verlegenheit etwas sperrigere oder schwerere Lasten transportieren zu müssen, als auf einen Standardgepäckträger passen. Hier liegt ein Fahrradanhänger nahe.

Die Suche nach einem geeigneten Anhänger zeigte viele Nachteile der vorhandenen Anhänger auf, brachte aber auch viele Ideen. So formte sich langsam ein Lastenheft heraus, nach dessen Kriterien die auf dem Markt befindlichen Anhänger bewertet wurden.

Das Lastenheft

  • Der Anhänger soll stabil und mit gutem Fahrverhalten hinter dem Fahrrad laufen.
  • Flexibel einsetzbar. Dazu ebene Pritschenladefläche oder Kiste verwendbar, alternativ klappbare Kiste oder Planentasche.
  • Als Fahrradanhänger und als Handwagen einsetzbar. Dazu geringer Umbauaufwand, wenige/keine extra Teile. Ladefläche sollte in gleicher Lage verbleiben.
  • Es sollte die Möglichkeit geben, bei Bedarf auch Lasten transportieren zu können, die über die Ladefläche hinausragen.
  • ca. 2 Getränkekisten (Volumen) Ladekapazität, Nutzlast ca. 40 kg.
  • Alleine (ohne Zugfahrrad) stabil stehend.
Bild 1: Anhänger am Zugfahrrad mit Abdeckung aus LKW-Plane

Die Marktsituation

Soviel vorweg: Im Fachhandel gibt es hervorragende Lösungen für Transportaufgaben mit Fahrradanhängern. Jeder dieser angebotenen Anhänger hat seine Vorteile. Eine Bewertung der wichtigsten Vorteile kann daher immer nur eine sehr individuelle sein und ist vom jeweiligen Einsatzzweck abhängig.

Im Folgenden wird kurz auf die im Moment gängigsten Anhängertypen anhand ausgewählter Modelle eingegangen.

Typ Beispiel Vorteile Nachteile
Baumarktanhänger Meist zweispurige Anhänger mit obenliegender Deichsel zur Sattelstütze geringer Anschaffungspreis, Handkarre ohne Umbauaufwand ungünstiges Fahrverhalten, hohe Lasteinleitung entlastet Hinterrad beim Bremsen, Transportkiste oft nicht abnehmbar, Fahrradgepäckträger nicht nutzbar, geringe Belastbarkeit, meist geringes Volumen
Einspurige Reise- und Expeditionsanhänger Weber Monoporter oder Bob Yak geringes Gewicht, Geländegängigkeit, geringer Roll- und Luftwiderstand, sichere Befestigungsmöglichkeiten, hervorragendes Fahrverhalten Nicht als Handwagen nutzbar, kann ohne Fahrrad kaum eigenständig stehen, geringe Nutzlast (25 kg beim Monoporter, 30 kg beim Bob Yak)
Einkaufsanhänger (ähnlich den Einkaufscaddies) Winther Donkey komplett ohne Umbau als Einkaufswagen nutzbar, sehr leicht ab- und ankuppelbar, als Handwagen sehr kompakt Ladefläche im Fahrradbetrieb schräg geneigt und ändert sich beim Umbau zum Handwagen, kleine Ladefläche, Ladefläche am Beispiel durch Gitterboxaufbau wenig flexibel (keine überstehende Ladung möglich), meist eine sperrige Kupplung oder gar ein Spezialgepäckträger notwendig
Standardanhänger diverser Hersteller Roland Carrie M und Carrie S, Vitelli Camping, Croozer Cargo sehr stabil, mit meist verbauter Tiefdeichsel zur Hinterradnabe sehr gutes Fahrverhalten, manchmal mit Umbaudeichsel oder schwenkbarer Deichsel als Handwagen nutzbar, ebene Ladefläche, zum Teil flexible Bordwandstecksysteme und Zubehör erhältlich Handwagenfunktion z.T. nur nach Umbau oder mit Zubehör (je nach Modell), nur bei wenigen Modellen ist eine Handwagenfunktion vorgesehen (beim Vitelli durch Drehen der Deichsel um 90°, beim Croozer Cargo durch Hochschwenken der Deichsel), stehen meist nicht alleine.

Marktübersicht allgemein

Insgesamt lässt sich sagen, dass die zuletzt beschriebenen Lastenanhänger bis auf wenige Ausnahmen alle im Preissegment 300 € und höher angesiedelt sind. Die Qualität ist entsprechend gut bis hervorragend. Im allgemeinen zielt jeder Anhänger auf einen z.T. sehr speziellen Zweck ab. Die Caddies wie der Winther Donkey eignen sich für den Wochenendkauf hervorragend, weil man damit durch den Supermarkt schieben kann. Draußen am Rad hängt man wieder an und radelt los.

Die einspurigen Anhänger sind reine Reiseanhänger, getrimmt auf sicheres, schnelles Fahrverhalten und niedrigen Roll- und Windwiderstand. Die Beladbarkeit und die Standsicherheit ohne Fahrrad stand im Lastenheft wohl nicht an erster Stelle.

Der Roland Carrie kommt dem von mir formulierten Lastenheft sehr nahe, war aber zum Zeitpunkt der Entwicklung meines Anhängers noch nicht verfügbar.

Die Entwicklung

Der Anhänger wurde in Eigenregie entwickelt. Am Anfang entstanden aus dem Lastenheft erste Ideen. Als Konzept stellte sich bald eine Tiefdeichsel an der Hinterradnabe des Fahrrads als interessanteste Möglichkeit dar. Die Deichsel sollte in die Vertikale zu schwenken sein, um die Lastenheftpunkte ebene Ladefläche, Handwagenfunktion und stabiler Stand ohne Fahrrad zu erfüllen.

Die restliche Konfiguration einer Ladefläche mit extra Klappkiste, 2 Räder an einer durchgehenden Achse ergab sich dann durch die Deichselanordnung quasi automatisch.

Bild 2: Beladener Anhänger am Zugfahrrad

Die Entwicklung fand typisch für Eigenbauprojekte am Prototypen statt. Der rechteckige Rahmen aus Alusystemprofilen in den Maßen 400 mm × 600 mm bildet die Basis. Eine durchgehende Achse aus 10 mm Edelstahlrundmaterial nimmt die selbstgedrehten Radnaben mit Industrielagern auf. Die Räder sind mit Splinten gesichert.

Die Deichsel ist am vorderen linken Eck zwischen zwei Aluplatten mit der Schnellspannachse aus einem Sattelspanner befestigt. Diese Achse bildet den Drehpunkt, so dass die Deichsel von der Waagrechten in die Senkrechte geschwenkt werden kann.

Bild 3: Der Anhänger als Handwagen. An der Rahmenecke ist die Deichsel schwenkbar befestigt.

Am kurzen Ende der Deichsel ist eine Lenkrolle aus dem Baumarkt befestigt. Wenn die Deichsel senkrecht steht, bildet die Lenkrolle einen dritten Aufstandspunkt. Die Deichsel aus Edelstahlwasserrohr wurde von einem Heizungsbauer maschinell gebogen. Mit dem Schnellspanner kann die Achse zwischen den Aluplatten geklemmt werden. Das ist ausreichend, um die auftretenden Momente aus der Stützlast zu übertragen. Die Entwicklung einer formschlüssigen Sicherung, die ebenso einfach zu bedienen ist wie die jetzige Deichselbefestigung, steht noch aus.

Sollte die Deichselanordnung z. B. an einem Kinderanhänger genutzt werden, müsste die Lenkrolle durch eine wesentlich größere Rolle ersetzt werden, um z. B. auf dem Kiesuntergrund im Biergarten oder einem Wander- oder Spazierweg ausreichend geländegängig zu sein. Denkbar ist ebenfalls, statt nur einer Lenkrolle zwei Lenkrollen an beiden vorderen Wagenecken anzubringen, die gleichzeitig mit der Deichsel schwenken. Als Vorteil der Verwendung am Kinderanhänger wäre zu nennen, dass die Deichsel nicht abgenommen und verstaut, sondern nur geschwenkt werden müsste. Da man die Deichsel dann als Schiebegriff benutzt hat man beim Schieben Blickkontakt zu den kleinen Passagieren, die dann allerdings rückwärts fahren.

Die Deichsel ist am langen Ende mit einer Kugel ausgestattet. Damit kann der Anhänger an der Kugelkopfkupplung von Chariot an der Hinterradnabe des Zugfahrzeugs angehängt werden.

Bild 4: Die Kugel rastet an der Chariot-Kupplung ein und dient gleichzeitig als Handgriff.

Die Felgen stammen aus einem alten 20″-Fahrrad und wurden selbst auf den Naben eingespeicht. Die Kiste ist eine übliche stapelbare Klappkiste im Format 400 mm × 600 mm. Das ist so groß wie zwei Getränkekisten. Diese Kisten sind faltbar oder starr erhältlich. Die Befestigung der Kiste erfolgt mit Blechwinkeln, die an einem Falz in der Kiste eingehängt werden und dann das Aluprofil umgreifen. Beim Anbringen der Winkel werden diese elastisch etwas aufgebogen, so dass eine verliersichere, formschlüssige Verbindung entsteht.

Am Heck ist ein U-Profil angebracht, in dem zwei großflächige Reflektoren verbaut sind.

Die Vermarktung

Da der Anhänger während der Probefahrten auf durchwegs positives Echo stieß, wurde die Deichselanordnung in einem Gebrauchsmuster geschützt. Ein Patentantrag ist meiner Meinung nach für einen Privatanwender insbesondere in einer Nischenanwendung wie einem Fahrradlastenanhänger zu aufwendig. Eine Gebrauchsmusteranmeldung ist deutlich kostengünstiger und weniger aufwendig in der Recherche und der Ausgestaltung.

Nach der Gebrauchsmusteranmeldung wurde der Anhänger verschiedenen Herstellern zur Fertigung angeboten. Zu diesem Zweck wurde ein Exposé erstellt.

Die Firma Weber Technik entwickelte zum damaligen Zeitpunkt den Roland Carrie S und Carrie M zusammen mit der Firma Roland. Roland wiederum hat freundlich auf den eigenen Carrie verwiesen und mir einen kompletten Satz Broschüren zugesandt. Bemerkenswert war zum damaligen Zeitpunkt, dass Roland auf den Verkaufsstart des Carrie verwies, der aber bei keinem Händler zu bekommen war.

Die Reaktionen der anderen angeschriebenen Hersteller waren zumeist Hinweise auf eigene Produkte. Einige Hersteller haben überhaupt nicht auf das Anschreiben geantwortet.

Letztendlich wurde kein geeigneter Vertriebsweg oder Lizenzhersteller gefunden. Die weiteren Überlegungen gehen in Richtung der Fertigung von zwei oder drei Exemplaren im eigenen Keller und dem probeweisen Verkauf der Anhänger im Internet, um die Marktakzeptanz eines solchen Anhängers zu testen.

Der aktuelle Stand

Im Moment dient der Prototyp hauptsächlich der eigenen Nutzung. Der Anhänger bewährt sich auf Fahrten zum Supermarkt, zur Paketpostfiliale und auf allen sonstigen Alltagsfahrten. Die Ladekapazität ist ähnlich der eines typischen Einkaufswagens und damit auch völlig ausreichend für einen größeren Wochenendeinkauf.

Es ist praktisch mit dem Anhänger durch den Supermarkt zu schieben, da man ihn dann nach der Kasse, ohne Umräumen zu müssen, direkt anhängen kann.

Die Schiebefunktion wird am Lastenanhänger außerhalb der Supermärkte bisher nicht genutzt, weil meistens mit dem Fahrrad bis an den Badesee etc. herangefahren werden kann.

Des Weiteren dient der Prototyp als Erprobungsträger zur Weiterentwicklung. Im Moment entwickle ich eine Federung, da der Anhänger im leeren Zustand wie alle leichten Fahrradanhänger bei Unebenheiten zum Springen neigt. Die Deichsel muss, gerade wenn der Anhänger verkauft werden soll, formschlüssig gegen Umschwenken gesichert werden. Dazu ist ein Rastbolzen angedacht.

Technische Daten des Prototypen

Gewicht Anhänger ohne Klappkiste 8,3 kg
Gewicht Klappkiste 2,2 kg
Anhänger mit Kiste 10,5 kg
Ladefläche 368 mm × 567 mm
Länge über alles ca. 1.300 mm
Räder 20″-Alufelgen, Alunaben, Industriekugellager
Rahmen Aluminium-System-Profile
Deichsel Edelstahlrohr, Durchmesser 28 mm, Wandstärke ca. 1 mm
Ladefläche PVC-Schaumplatten, 7 mm

Fazit

Der Eigenbau eines Lastenfahrradanhängers mit einer neuartigen Deichselanordnung war für mich eine kostengünstige Möglichkeit, an einen solchen Anhänger zu kommen. Die Vermarktung eines solchen Anhängers gestaltet sich als sehr schwierig. Offensichtlich ist der Lastentransport am Fahrrad im Alltag kein allzu großer Markt. Lehrreich und interessant ist ein solches Unterfangen allemal.

Zum Autor

Bernd Brettner, von Beruf Versuchsingenieur bei einem großen Testlabor im Bereich Betriebsfestigkeit. Baut und entwickelt in der Freizeit gerne Möbel, Alltagsgegenstände und Fahrradequipment. Liebt Fahrräder und fährt täglich im Alltag über 5.000 km im Jahr.

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