Ausgabe 28

April 2019

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Gelesen

Gregers Nissen. Fahrradpionier und Reiseschriftsteller.

Rezensent: Volker Briese

Lars Amenda und Oliver Leibbrand:
Gregers Nissen. Fahrradpionier und Reiseschriftsteller.
Bräist/Bredstedt: Nordfriisk Instituut, 2017
144 Seiten.
ISBN: 9783880074149

1885 zog der 1867 geborene Gregers Nissen aus seiner nordfriesischen Heimat nach Eckernförde, um sich als Volksschullehrer ausbilden zu lassen. Er gründete 1887 dort mit anderen Radfreunden den Radfahrerverein »All Heil«. Damit begannen seine vielfältigen Aktivitäten als Radsportler, Reiseschriftsteller und Organisator des bürgerlichen Radsports, bis er 1942 kurz nach seinem 72. Geburtstag starb. Bevor Renate Franz 2011 in kurzen Aufsätzen Gregers Nissen als »Prophet des Radwanderns« wieder in Erinnerung brachte, war nur noch wenig über ihn bekannt. Ich stieß bei meiner Studie zur Geschichte des Radwegebaus in Deutschland auf Nissen, der sich schon früh für bessere Radwege, vor allem aber Radwanderwege, engagierte. Die beiden Autoren, selber Fahrradenthusiasten, versuchen mit dem vorliegenden Buch, mehr Licht auf das Leben und Werk des Fahrradpioniers zu werfen. Mit dieser biografischen Perspektive gelingt ihnen zugleich ein Beitrag zur Geschichte des bürgerlichen Radsports in Deutschland, auch wenn Nissen trotz vieler Ämter in Radsportorganisationen mit seinem Konzept des Radwanderns gegenüber dem Rennsport eher eine Minderheitenposition vertrat.

Neben der biografischen Herangehensweise handelt es sich bei dem Buch auch um eine regionalhistorische Studie mit einigen interessanten Bildern zur Geschichte des Fahrrads in Nordfriesland, in der Provinz. Nissen hatte seine Kindheit und Jugend in Nordfriesland verbracht, aber auch später, als er in Altona bzw. Hamburg lebte, verlor er nie die Verbindung zu Nordfriesland. 1920 engagierte er sich z.B. im Rahmen der Abstimmung über die Zugehörigkeit zu Deutschland oder Dänemark. Das Buch erscheint deshalb in der Reihe »Nordfriesische Lebensläufe« des Nordfriisk Instituts.

Als fertiger Lehrer kam Nissen nach Altona, wurde Mitglied und bald schon Vorsitzender des traditionsreichen »Altonaer Bicycle-Clubs« (ABC) und organisiert etliche Club- und Gesellschaftsabende, Ausfahrten und Feste. Es wurden gemütliche Sommerausflüge gefahren, aber auch durchaus sportliche Touren wie z.B. nach Lübeck und zurück (140 km). Neben den Radausflügen spielten Kunstrad- und Reigenfahren eine wichtige Rolle und die Teilnahme an Festumzügen z.B. beim 25. Stiftungsfest des Vereins, aber auch an Kaisergeburtstagen und Sedanstagen, bei denen Nissen voraus fuhr - anfänglich noch mit dem Hochrad. Nissen hatte sich mit 17 Jahren von dem Geld, das er erbte, als seine Eltern starben, zum stolzen Preis von 300 Mark ein gebrauchtes Hochrad gekauft, mit dem er seine ersten Radwanderungen machte. Die politische Orientierung der Mitglieder des ABC sei durchweg national und patriotisch gewesen. Das gilt wohl auch für Gregers Nissen. Mitte der 1920iger Jahre wurden nur noch Mitglieder »arischer Abstammung« aufgenommen. Ob Nissen dieser antisemitischen Satzungsänderung explizit zustimmte, ist nicht belegt, aber es gibt auch keine Hinweise auf einen Versuch, etwas dagegen zu tun.

Bei radsportlichen Wettbewerben wurde auf das Amateurprinzip geachtet. Das Berufsfahrertum lehnte Nissen ab, was zu Spannungen mit dem Deutschen Radfahrerbund (DRB) führte, der in dieser Frage keine klare Position bezog. Deshalb trat der ABC 1895 aus dem DRB aus. Nissen arbeitete einige Jahre mit der schon 1886 gegründeten Allgemeinen Radfahrer-Union zusammen und übernahm dort auch Funktionen. Er gründete den Norddeutschen Radfahrer-Bund und versuchte zusammen mit dem Sächsischen und dem Westdeutschen Radfahrer-Bund ein »Kartell deutscher Wanderfahrer« zu schaffen. Eine Verbindung zum 1896 nach Aufhebung der Sozialistengesetze gegründeten Arbeiter-Radfahrer-Bund Solidarität, der hinsichtlich des sportlichen Konzeptes Nissen nahe stand, gab es aus politischen Gründen nicht. Da aber auch keine Einigung zwischen den verschiedenen bürgerlichen Organisationen zustande kam, trat Nissen 1903 wieder dem Deutschen Radfahrer-Bund bei, wurde dort Mitglied des Bundesvorstands und erhielt das Amt des »Bundesfahrwarts für Wanderfahrten«. Trotz verschiedener Initiativen Nissens blieb das Radwandern im DRB gegenüber dem Radrennsport nur marginal. Nissen knüpfte Kontakte mit Tourismusverbänden anderer Länder, um die Grenzen für Radwanderer zu öffnen. Das Radwandern in fremde Länder, das auch der Völkerverständigung dienen sollte, stand im Kontrast zu Nissens nationalistischer Haltung und Aktivitäten.

Nissen, der sein Leben lang an einem Lungenleiden litt, weshalb er für den Wehrdienst untauglich war, was er sehr bedauerte, propagierte das »gesunde Radwandern«.

Nissens Radwandern war aber nicht unpolitisch. So organisierte Nissen 1892 am Himmerfahrtstag eine Fahrt von Hamburg zum Sachsenwald, an der rund 1.200 Radfahrer teilnahmen. Es handelte sich um eine »Huldigungsfahrt« für den ehemaligen Reichskanzler Otto von Bismarck, dem der Präsident des Deutschen Radfahrer-Bundes die besten Wünsche der »Deutschen Radfahrer« überbrachte. In seiner Dankesrede soll Bismarck bedauert haben, dass er selber nie Rad gefahren sei, was sicher seiner Gesundheit zuträglich gewesen wäre. Er wäre überzeugt davon, dass das Fahrrad für die Nation ein wichtiger Faktor sei.

Die Autoren berichten von Nissens Engagement für den nationalistischen und militaristischen Jungdeutschland-Bund als Hauptleiter der Jugendabteilung des DRB, wo er für das Radwandern als Element der vormilitärischen Ausbildung der Jugend wirbt.

Auch mit den von Nissen organisierten großen Radwanderungen in ehemalige deutsche Gebiete im Osten nimmt Nissen Partei für die Revision der Regelungen nach dem Ersten Weltkrieg.

»Zwischen Amt und Distanz« wird das Kapitel über Nissens Verhältnis zur nationalsozialistischen Diktatur überschrieben. Ein Hinweis auf eine Parteimitgliedschaft konnte nicht gefunden werden. Nissen war, wie andere Konservative, nicht begeistert über das Dritte Reich, obwohl sie in vielen einzelnen Aspekten durchaus einverstanden waren mit der politischen Entwicklung. So begrüßte Nissen wie viele Funktionäre des BDR den Deutschen Radfahrerverband (DRV), weil er hoffte, dass sich der Radsport in Deutschland mit einem Einheitsverband positiv entwickeln würde. Er wusste andererseits sicher von der Zerschlagung des Arbeiterradfahrerbunds »Solidarität«, dessen Vorsitzender, Heinrich Niemann, den Nissen gut kannte, 1933 von SA-Männern erschlagen wurde. Viele Funktionäre der »Solidarität« wurden in Gefängnissen und Konzentrationslagern gequält. Dass er sich dazu kritisch geäußert habe, ist nicht bekannt. Trotz möglicher Distanz machte Nissen unter dem neuen Regime mit. Er wurde schon 1935 kommissarischer »Führer« des Radsports im Norden und übernahm 1937 die Leitung des Gau 7 Nordmark des DRV. 1937 legt er aus gesundheitlichen Gründen seine Ämter nieder. Die Autoren bezeichnen seine Haltung zum NS-Regime als ambivalent. Diese Ambivalenz ist vielleicht die Antwort auf die von den Autoren einleitend gestellte Frage, warum die Erinnerung an Nissen im Laufe des 20. Jahrhunderts verblasste.

Nissen versuchte, das Radwandern im Rahmen der bürgerlichen Radsportorganisationen, insbesondere des Deutschen Radfahrer-Bundes (DRB), bzw. des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) und auch nach der Gleichschaltung im nationalsozialistischen Deutschen Radsportverband zu popularisieren. Abgesehen von einigen Großveranstaltungen und sicher bemerkenswerten Touren unter seiner Leitung gelang das aber kaum. Nissen hätte seine Freude an der aktuellen Konjunktur des Radwanderns und Radreisens unter anderem veranstaltet vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), aber auch von vielen kommerziellen Reiseanbietern.

Auch Nissens Aktivitäten für bessere Wege für Radfahrer fanden kaum Unterstützung der Radsportorganisationen. Eine 1927 vom Verein Deutscher Fahrradindustrie zur Förderung des Fahrradabsatzes gegründete »Zentralstelle für Radfahrwege« in Berlin, an deren Leitung Nissen beteiligt war, brachte nicht den von Nissen erhofften Erfolg eines flächendeckenden Radwegenetzes wie es der eher touristisch orientierten »Algemeene Nederlansche Wielrijders-Bond« (ANBW) entwickelte.

Vielleicht erfolgreicher als durch die Arbeit in Organisationen warb Nissen als Autor vieler Fahrradwanderbücher für das Radwandern. Das vorliegende Buch enthält Berichte von einigen Radwanderungen in Deutschland, Skandinavien, Süd- und Osteuropa (heute würde man von Radreisen sprechen) unter der Leitung von Gregers Nissen, die die Grundlagen für seine Reisebücher lieferten. Eine umfangreiche Liste von Büchern und Aufsätzen Nissens belegt seine publizistischen Aktivitäten. Auch soll Nissen an dem berühmten, für das Radwandern wichtigen Kartenwerk »Mittelbach's Straßenprofilkarten« mitgearbeitet haben.

Das Buch basiert auf intensiver Recherche über die vielen Aktivitäten Nissens, von denen hier nur einige angesprochen werden konnten. Es liefert auch anschauliche Materialien zu einem halben Jahrhundert der Geschichte des bürgerlichen Radsports in Deutschland.

Auch wenn Nissen zu seinen Lebzeiten nur mäßigen Erfolg bei der Umsetzung vieler seiner Ideen und Konzepte hatte, können die Autoren des Buches, wie sie es abschließend formulieren, belegen, »dass Gregers Nissen einen wichtigen Platz in der deutschen Fahrrad- und Radsportgeschichte einnimmt«.

Zum Rezensenten

Volker Briese ist Professor für Politische Wissenschaft an der Universität Paderborn und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Sozialgeschichte des Fahrrads und des Radfahrens.