Fahrradzukunft

Ausgabe 3

November 2006

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Meuffl-Heckhutzen als Gepäck-Transportlösung

von Hanno Hirsch

Der Verkleidungs- und Gepäckraumbau aus Isomatten wurde durch Harald Winkler bekannt. Er betrieb vor einiger Zeit das »MittelEUropäische Fahrrad ForschungsLabor«, abgekürzt MEUFFL. Harald hielt einen legendären Vortrag auf einem Liegerad-Symposium an der FH in Köln zum Thema »Verkleidungen Flauschen«. Der Begriff »meuffeln« wurde dann später von dem langjährigen 1. Vorsitzenden des HPV e. V., Arndt Last, geprägt und beschreibt den Vorgang der Herstellung von HPV-Verschalungen aus »Meuffl-Schaum«, also dem geschlossenzelligen-PE Schaum (auch landläufig als »Isomatte« bekannt).

Bild 1: Jive mit Meuffl-Verkleidung

Heckkoffer, bzw. Heckhutzen an Liegerädern erfüllen 2 Funktionen:

  1. aerodynamische Verbesserung
  2. Behälter für Gepäck

Die spezifischen Anforderungen der beiden Funktionen widersprechen sich teilweise. So wird eine Heckhutze immer ein Kompromiss zwischen Gepäcktransportfähigkeit und guter Aerodynamik sein. Welcher Funktion man den Vorrang gibt, ist eine individuelle Entscheidung. Ich persönlich habe bei meinen Heckhutzen mehr der Aerodynamik den Vorzug gegeben und benutze den Gepäckraum meist wie ein Handschuhfach für Kleinkram. Für größere, anspruchsvolle Transporte habe ich Anhänger. Das Raumangebot entspricht je nach Ausführung in etwa einer Packtasche.

Material

Meuffl-Flausch, also Isomatte, technische Bezeichnung: geschlossenzelliger PE-Schaum. Das Material bekommt man billig im Frühjahr als Isomatten bei diversen Sonderaktionen von Discountern. Wer das Decor nicht mag oder freie Farbwahl haben will, kann den Schaum auch über spezialisierte Kunststoffhandlungen beziehen. Für eine Heckhutze braucht man ca. 2–3 Isomatten, also 2–3 m<sup>2</sup>. Ich empfehle eine Mindest-Dicke von 10 mm, mehr ist besser, um eine gewisse Eigenstabilität zu erhalten.

Aufbau

Als Unterkonstruktion verwende ich einen normalen Gepäckträger, auf den dann die Heckhutze wie Packtaschen aufgesetzt wird. Dadurch wird der Gepäckraum belastbar und bietet durchaus einem 10-Kilo-Reissack Platz. Mit einer Lage Schaum innen wird der Gepäckraum gegen den Radkasten abgedichtet. Auf ein Schutzblech über dem Hinterrad kann man daher verzichten. Nach vorne wird dann die Kontur an den Sitz angelegt.

Bild 2: Jive-Sitz

Es ist auch möglich, die Seitenwände über den Sitz hinaus nach vorne zu ziehen. Wenn der Sitz schmal ist, kann der Gepäckraum auch von vorne am Sitz vorbei beladen werden. Damit hat man auch ein praktisches Handschuhfach, wo man während der Fahrt Kleinigkeiten holen und reinstopfen kann. Bei meinem Tieflieger Jive habe ich das so realisiert. Die Seiten laufen oben spitz zu und werden mit einem Klettband verbunden, so kann man die Hutze von oben beladen. Bei meinem Alltags- und Stadt-Liegerad habe ich die Hutze im oberen Viertel den Koffer waagerecht durchschnitten und erhalte so einen Deckel, der mit einem Baumwolltuch als Scharnier einfach oben aufliegt, als Kofferraumklappe sozusagen.

Bild 3: Verkleidung von hinten

Hier habe ich den Schaum mit einer Lage GFK belegt, was dem Ganzen etwas mehr Formstabilität und vor allem das haptische Gefühl eines festen Koffers verleiht. In so einen Heckkoffer kann man auch gut ein Rücklicht integrieren.

Herstellung

PE-Schaum lässt sich wirklich leicht verarbeiten. Man kann es einfach mit einem scharfen Messer in Form schneiden. Bei Dicken ab 10 mm ist auch Stoss auf Stoss Kleben kein Problem. Ich verwende als Kleber Heißkleber aus der Klebepistole, das geht am schnellsten. Andere Meuffl-Profis kleben mit Kontaktkleber (Pattex), den man allerdings zuerst auf die Klebeflächen aufbringen und ablüften lassen muss. Indem man entsprechende Dreiecke rausschneidet und wieder Stoss auf Stoss zusammen klebt, kann man wunderbar dreidimensional gekrümmte Flächen herstellen.

Bild 4: Verkleidung von oben

Es ist ein unheimlich kreatives Material, man kann leicht praktisch jede Form damit hinbekommen. Kleinere Rundungen oder Beulen, Dellen etc. kann man auch leicht mit der Heißluftpistole in Form »fönen«. Das Material ist sehr preisgünstig, so dass man keine Angst vor Verschnitt haben muss. Ausserdem kann man eine verschnittene Ecke auch leicht wieder durch Wieder-Einsetzen von Material reparieren.

Vorteile

Meuffl-Heckkoffer sind total preisgünstig in der Herstellung, man braucht ca. 15–20 Euro (je nach Sonderangebot) für das Material und dann noch etwas Kleber.

Das Material ist total unempfindlich, Stürze machen dem Material nichts aus, es ist auch relativ unempfindlich gegen Abschürfung, zudem schützt es das Gepäck, da im Falle eines Falles alles weich auf Isomatten-Schaum landet.

Man kann praktisch jede Form und jedes gewünschte Volumen hinbekommen.

Gegenüber harten Heckkoffern hat man immer noch eine gewisse Reserve, falls die Einkäufe doch mal üppiger ausfielen und man kann immer noch was reinstopfen, wo man halt bei harten Koffern an mechanische Begrenzungen stösst. Bei Meuffl geht immer noch was rein …

Ein Grosser Vorteil ist das geringe Gewicht. Was wiegen schon 2 Isomatten? Dazu kommt noch der aerodynamische Vorteil. Martin Staubach will nachgewiesen haben, dass man mit einer gut gemachten Heckhutze bis zu 15 % Luftwiderstand reduzieren kann.

Nachteile

Der »Primärreiz«:

Bild 5: Velomobil mit Elefanten

Wenn man das billigste erhältliche Material nimmt, ist man nicht so frei in der Farb- und Dekorwahl. (Ich habe ein Velomobil mit Elefanten-Dekor-Heckhutze ;-).

Einfärben oder Anstreichen klappt nicht, da das Material keine Farbe annimmt, besser gleich in der gewünschten Farbe durchgefärbtes Material verwenden.

Klebestellen mögen für optisch oder haptisch Anspruchsvolle störend wirken.

Wenn man eher auf aerodynamische Form optimiert hat, dann hat das verfügbare Gepäckvolumen unter Umständen eine ungünstige Raumaufteilung, aber dieser Nachteil wird etwas durch die Flexibilität gemindert, dann bekommt halt die Heckhutze mal vorübergehend »dicke Backen« durch die Beladung.

Zum Autor

Hanno Hirsch ist Elektroingenieur in Karlsruhe. Seit der Entdeckung seiner Liegeradpassion vor etwa 15 Jahren schafft er es praktisch alle seine alltäglichen Wege mit diversen Liegerädern zurück zu legen. Da man oft das passende Liegerad für den jeweiligen Zweck nicht finden kann, baut Hanno seine Liegeräder meist selbst. Er forscht und tüftelt da in den Sparten Alltagsverkleidungen, Fahrradbeleuchtung, Kindertransport und Faltliegeräder.

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