Fahrradzukunft

Ausgabe 24

April 2017

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Reifengürtel

von Andreas Oehler

An eine Jeans gehört ein breiter Gürtel. Mit dieser Vorliebe stehe ich sicher nicht alleine da. Dumm nur, dass selbst schwere und teure Ledergürtel recht schnell unansehnlich werden. Textilgürtel schlagen sich leider auch nicht viel besser.

Bild 1: Schäden an Gürteln nach jeweils einigen Jahren rauer Nutzung.

Gleichzeitg sind Gebrauchsgegenstände aus Recyclingmaterialien angesagt – oft aber vergleichsweise teuer und nicht immer ausgereift. Gürtel aus Fahrradschläuchen und -mänteln sieht man immer wieder. Die Preise dafür bewegen sich bei 30–50 Euro. Warum also nicht ausprobieren, ob man Vergleichbares auch selber machen kann?

Die Beschaffung alter Fahrradmäntel ist das geringste Problem. Für eine übliche Jeans bietet sich eine Gürtelbreite von 35–40 mm an. Sinnvoll ist es somit, einen Alt-Reifen mit nominell 28–37 mm Breitenangabe zu besorgen. Wenn man die Seitenwand mit einem Messer durchsticht, lässt sich der Profilstreifen problemlos mit einer etwas stabileren Büro- oder Textilschere ausschneiden. Die Reifendrähte muss man nicht durchtrennen. Nachdem das Profilband ausgeschnitten ist, empfiehlt sich eine gründliche Reinigung im Waschbecken mit Seife und (Nagel-)Bürste.

Bild 2: Alles was man braucht sind eine Gürtelschnalle, ein alter Reifen in passender Breite, Messer und Schere sowie ein Messschieber oder Lineal um die Breite zu prüfen.
Bild 3: Der Gürtel muss in der Breite zur Schnalle passen. Hier reicht es, knapp neben den Stollen entlang zu schneiden.
Bild 4: Gummi und Gewebe schneiden sich leicht mit einer halbwegs robusten Universalschere.

Zuvor sollte man sich aber auf die Suche nach einer geeigneten Gürtelschnalle machen. Möglicherweise finde sich ein abgelegter, unschön gewordener Gürtel im Schrank, den man seiner Schnalle berauben kann. Gut sortierte Schuster haben auch eine Auswahl an Schnallen vorrätig. Persönlich finde ich für den Reifengürtel eine Klemmschnalle passend. Diese erlauben, die Schnalle werkzeuglos und ohne Umschlagen an das eine Gürtelende zu klemmen. Das Schließen und Einstellen der Länge des Gürtel erfolgt durch Klemmen mittels einer Klappe mit Zähnen oder einem in einer Keilnut geführten Bolzen. Solche Klemmschnallen werden oft an Textilgürteln verwendet. Damit sind sie allerdings nur für Reifen mit dünnem bzw. abgefahrenem Profil geeignet. Gegebenenfalls lassen sich aber die Klemmzähne kürzer feilen. Grobes MTB-Profil ist damit aber in keinem Fall kompatibel.

Bild 5: Zwei Klemmschnallen mit unterschiedlichem Mechanismus.
Bild 6: Ein Stück MTB-Schlauch um den Gürtel hindert das überstehende Ende am Abstehen.

Real erprobt habe ich einen Gürtel aus einem Panaracer Pasela TG 37-622 mit einer Bolzen-Klemmschnalle von einem ausgefransten Baumwollgewebegürtel. Dieser Reifen ist nur etwa 2.000 km gelaufen, bevor ein Seitenwandschaden die weitere Nutzung am Fahrrad beendete. Die papierdünnen Seitenwände ließen sich sehr leicht schneiden und es ist einfach die Schere entlang der ausgeprägten Profilkante zu führen. Der Gürtel daraus ist in sich relativ steif und sehr angenehm in der Handhabung. Auch nach sechs Monaten täglicher Nutzung an der Arbeitshose sieht man keine Verformung oder Verschleiß.

Zweiter Versuch war ein komplett abgefahrener Schwalbe CX-Comp 32-622 Crossreifen aus der Schrottecke eines Radladen. Dieser Reifen hat hübsche weiße Linien und kleine Stollen am Rand des (abgefahren) Profils. Die Seitenwände sind etwas dicker, von daher tut man sich ein wenig schwerer mit der Büroschere. Hier habe ich eine auf dem Internet-Bastelportal »etsy« erstandene Klapp-Klemmschnalle verwendet. Das Ergebnis ist hübsch aber ein wenig unpraktisch. Das abgefahrene Profil macht den Gürtel sehr elastisch und flexibel – die Seitenstollen sind aber recht hakelig beim Einfädeln in die Schnalle. Schon nach wenigen Wochen sind leichte Verformungen sichtbar. Die schicke Optik weiß aber immer noch zu gefallen.

Bild 7: Zwei Reifengürtel: Panaracer Pasela oben, Schwalbe CX-Comp unten.

Erst die Erfahrung mit diesen Eigenbau-Gürteln hat mir klar gemacht, dass die Elastizität bei Gürteln durchaus wichtig sein kann. Während ein schwerer, dickwandiger Levis-Ledergürtel sich kaum merklich elastisch dehnt, gibt der CX-Comp-Gürtel deutlich nach, wenn man beispielsweise tief in die Knie geht. Was hier »besser« ist, bleibt dem Nutzer bzw. der Nutzerin vorbehalten zu entscheiden. Mir persönlich ist der CX-Comp-Gürtel eher zu weich, der dickwandige Ledergürtel etwas zu unbequem bei viel Bewegung, der Pasela-Gürtel hingegen nahezu ideal.
Um die Unterschiede in der Elastizität messbar zu machen, habe ich verschiedene Gürtel mit einem 5 kg schweren Metallgewicht beschwert und die Dehnung eines unbelastet einen Meter langen Abschnitts verglichen. Der schwere Ledergürtel dehnt sich 1 %, ein 4 cm breiter Baumwollgewebegürtel 2 %, der Pasela 4 % und der CX-Comp 6 % (entsprechend 6 cm).

Wer Jeans oder Arbeitshosen trägt und Gürtel mag, dem würde ich in jedem Fall zu dieser schnellen Bastelei raten. Selbst wenn man 5–10 Euro für eine neue Schnalle investiert, bleibt das ganze sehr preiswert und man hat einen individuellen, vorzeigbaren und ausgesprochen robusten Gürtel.

Zum Autor

Andreas Oehler (Jg. 1966) arbeitet als Maschinenbauingenieur beim Fahrradbeleuchtungshersteller Schmidt Maschinenbau.

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