Fahrradzukunft

Ausgabe 22

April 2016

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Tobis Fahrradgeschichten

von Tobias Kröll

»Sich reich sparen!«

Von gestressten Päckchen-Fahrern, der Mehrwertrate, von Märchenbüchern, monetären Stimmzetteln, solidarischer Ökonomie und dem Verschwinden des Subcomandante Marcos.

Als ich kürzlich mein Fahrrad an der Bushaltestelle abstellte, traute ich meinen Augen nicht. Solch eine Werbung hatte ich noch nie gesehen: »Spar dich reich« mit 0,66 % Zinsen. Das ist die Version 2.0 von »Geiz ist geil!«. Auch in einem Fahrradladen hat mensch zuweilen mit der Spezies homo spardichreichensis zu tun. OK, vielleicht ist in einem kleinen Laden manches Teil ein bisschen teurer als in einem Baumarkt und manche Menschen wollen aus Prinzip immer das Günstigste haben. Dafür opfern sie dann ihre Zeit, die sie scheinbar nicht zu schätzen wissen.

Bild 1: Reichtum zum Greifen nahe – dank 0,66 % Zinsen

Während meiner Ausbildung kam einmal ein Kunde mit dem Auto 45 km aus Stuttgart angereist, da es in Tübingen ja so tolle Fahrradläden gibt, die ihm empfohlen worden waren. Er wollte ein bestimmtes Schaltwerk kaufen. Da dies aber in unserem Laden vier DM teurer war als in Stuttgart, fuhr er wieder unversehens zurück, ohne etwas gekauft zu haben. Summa sumarum: 90 km Autofahren und zwei bis drei Stunden Zeitaufwand. Um minimal Geld zu sparen, wird die eigene Zeit verschwendet; um ein Fahrradteil günstiger zu kaufen, wird unnötig Auto gefahren. Bei ALG-II-EmpfängerInnen verstehe ich das ja, wenn man Geld sparen will und dafür etwas Zeit aufwendet. Aber bei Normalverdienenden klappt mir da die Kinnlade nach unten.

Im vergangenen Jahr kam bei strömendem Regen ein Kunde in den Laden. Er war zu Fuß unterwegs und wollte einen Bremszug kaufen. Für einen guten Nirosta-Zug nehme ich nun einmal 3,50 Euro. Der Kunde war empört: »Was, sooo viel! In der Innenstadt kostet ein Bremszug drei Euro!!!« Er verschwand wieder mit seinem Kumpel im Regen und machte sich auf in die zwei Kilometer entfernte Innenstadt. Nun denn … Da verwundert es nicht, wenn sich so viele Menschen über den Wert der Zeit im Allgemeinen und über den Wert der Arbeitszeit im Besonderen keine Gedanken machen. Schon gar nicht, wenn es nicht ihre eigene Zeit ist. Momo lässt grüßen!

In den Fahrradläden, in denen ich früher arbeitete, hielt ich manches Mal ein kleines »Schwätzchen« mit den Fahrern, die die neuen Fahrräder anlieferten. Mancher holte sich eine kleine Fahrradberatung und war ganz interessiert.
Vor einiger Zeit kam eine Lieferung mit zwei Fahrrädern. Der Fahrer war ziemlich am Rotieren. Er hatte die beiden Räder schon abgeladen und erschien im Laden, um die Unterschrift abzuholen. Ich schaute, ob die Kartons unbeschädigt waren und unterschrieb. Da es der gleiche Fahrer war, wie das Mal zuvor und er wieder ziemlich hektisch daherkam, fragte ich ihn, ob er »heute schon wieder so viel zu tun« habe. »Vierundachtzig Stationen und 120 Pakete«, war die gehetzte Antwort – und weg war er.

Das bedeutet, bei einem normalen Acht-Stunden-Tag: etwas mehr als zehn anzufahrende Kunden in der Stunde, sechs Minuten für die Fahrt (und die Staus) zwischen den Kunden, das Abladen und die Formalitäten. Die Realität sieht hier keinen Normalarbeitstag vor.

Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff hat vor ein paar Jahren als Paketzusteller gearbeitet: 3,14 Euro Stundenlohn, 12 bis 14 Stunden am Tag. Im Monat 1.300 bis 1.400 Euro brutto – vgl. Dieses Paket ist eine Bombe, von Michael Hanfeld in der FAZ vom 31.5.2012:

Der Tag beginnt morgens um fünf und endet nicht vor sieben, acht Uhr abends. Dazwischen wird tonnenweise ein- und ausgeladen, ein- und ausgeladen, nicht für die kleinste Pause bleibt Zeit, das Fahrtenbuch – von den Fahrern »Märchenbuch« genannt – wird geschönt, und zwischendurch kommen neue Befehle aus der Zentrale. Dabei braucht es »gar keinen Antreiber«, erkennt Wallraff, »es ist das System«.

Was das wohl mit Ihbay, Amazonen usw. zu tun hat?

Bild 2: Anlieferung eines neuen Fahrrades – für den Paketboten trotzdem kein Vergnügen.

Die (Eigen-)Logik dieses ökonomischen Systems wurde schon vor 150 Jahren treffend analysiert: Nicht das Erschaffen von nützlichen Dingen (»Gebrauchswerten«) ist das höchste Ziel in der Eigenlogik dieses Systems, sondern möglichst viel Profit zu machen.
Hier bietet sich ein kleiner Ausflug in die Mathematik an und die Darstellung einer einfachen Rechnung (vgl. dazu: Res Strehle, 1991: Kapital und Krise. Berlin).

Ökonomische Werte entstehen durch Arbeit (auch wenn das von »neoliberalen« Ökonomen weitgehend ignoriert wird). Arbeitskraft hat die einzigartige Eigenschaft, mehr Wert produzieren zu können, als dafür nötig ist, diese Arbeitskraft zu erhalten. Der durch »Arbeitskräfte« geschaffene Wert beinhaltet damit die Kosten für die Ware Arbeitskraft, d. h. den Arbeitslohn (in der folgenden Formel »variables Kapital« v genannt) und den zusätzlich geschaffenen Mehrwert »m«.

Arbeitslohn und Arbeitszeit lassen sich von der Arbeitgeberseite flexibel hin- und herschieben, weshalb der Begriff »variabel« dafür sehr passend ist.

Der durch Arbeitskräfte (z. B. Fahrerinnen und Fahrer bei Speditionen) geschaffene Wert ist nun für diejenigen wichtig, die Profit machen (d. h. den durch die Arbeitskräfte erschaffenen Mehrwert abschöpfen, bzw. sich aneignen) wollen und auch für die, die mit Internet-Käufen Geld sparen wollen oder einfach nur bequem sind. Letztere interessieren sich, wie oben schon angedeutet, aber eher gar nicht für die sozialen Begleitumstände ihres Konsums.

Das Verhältnis zwischen dem abschöpfbaren Mehrwert (m) und den Lohnkosten (also dem Preis für die Ware Arbeitskraft) kann als Mehrwertrate bezeichnet werden: Die Mehrwertrate (M) ist gleich dem Mehrwert (m) geteilt durch die Lohnkosten (v):

M = m ÷ v

Die Mehrwertrate lässt sich – wie leicht ersichtlich ist – ganz einfach dadurch erhöhen, dass der durch die lohnabhängig Arbeitenden geschaffene Mehrwert m im Verhältnis zu den Lohnkosten v größer wird oder die Lohnkosten kleiner werden. Einfach ausgedrückt: Die Arbeitenden müssen in gleicher Zeit mehr produzieren (Steigerung der Produktivität) oder die Löhne müssen sinken oder beides.

Eine Erhöhung der Mehrwertrate kann somit durch verschiedenste Maßnahmen (relativ oder absolut) stattfinden: Z.B. dadurch, dass die Arbeitskräfte bei gleichem Lohn im Verhältnis zu früher länger arbeiten müssen (wie in vielen Bereichen des öffentlichen Dienstes) oder dadurch, dass in gleicher Zeit mehr Mehrwert erzielt wird (z. B. durch Zustellung von mehr Paketen pro Zeiteinheit) oder durch geringeren Lohn in ausgegliederten Sub-Unternehmen, (in Deutschland sind ja bekanntlich die Reallöhne in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren weitgehend gesunken) oder aufs Ganze gesehen durch die zunehmende Privatisierung von Sozialversicherungen (wodurch die Arbeitgeberseite Geld spart) oder Entlassungen (wie bei vielen Großbetrieben) und die Verteilung der gleichen Arbeit auf die verbliebenen »Arbeitskräfte”.

Für so etwas werden dann bei Paketdiensten und Speditionen aus Fahrtenbüchern Märchenbücher (siehe oben) Und für die, die es noch nicht gemerkt haben: Die genannte Analyse geht auf Karl Marx zurück.

Jetzt ist aber »Ende der Märchenstunde». So lautete auch der Titel eines Buches der Journalistin Kathrin Hartmann (2009, Karl Blessing Verlag) mit dem Untertitel »Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt«. Hartmann ist nicht zimperlich:

Lifestyle-Ökos seien »die Traumzielgruppe« aller Hersteller. »Sie haben Geld, und sie geben es mit Freuden aus. Wurden früher Autos mit Freiheit und Duschgel mit Sex verkauft, heißt das neue emotionale Attribut der Warenwelt jetzt »gutes Gewissen«, das den Konsumenten als aufgeklärt und engagiert erscheinen lässt« (ebd., S. 19).

Hartmanns Vorwurf an die »Lohas« ist letztlich, dass es ihnen in erster Linie um sich geht und nicht um irgendwelche größeren Zusammenhänge (LOHAS: Abkürzung von »Lifestyle of Health and Sustainability«, ein nachhaltiger und gesunder Lebensstil).

»Mein T-Shirt stammt nicht aus Kinderarbeit«. Die Betonung liegt auf »Mein« und damit ist die Sache erledigt. »Ich habe ja auf dem Markt meinen Beitrag geleistet«. Die Verbesserung von Missständen wird alleine dem Markt überlassen. Der ist ja sowieso überlegen …

So werden Tag für Tag, Stunde für Stunde, gerade auch von »umweltbewussten« Menschen im Internet Fahrräder bestellt, die auf Schiffen, die mit dreckigem Schweröl betrieben werden, nach Europa kommen und die KäuferInnen fragen nicht nach den Arbeitsbedingungen der Spediteure oder warum ein in Fernost produziertes Fahrrad trotz des langen Weges billiger ist als eines aus Europa.

P.S.: Mögliche Ansätze für eine solidarischer Ökonomie werden z.B. im Umfeld der globalisierungskritischen Bewegung diskutiert. Ein praktisches Beispiel ist die Schaffung von Wohnraum, der als Kollektiveigentum dem Markt entzogen wird wie beim Mietshäuser-Syndikat. Im internationalen Zusammenhang sind die Zapatisten im mexikanischen Chiapas erwähnenswert und die Geschichte des Verschwindens von Subcomandante Marcos.

Bild 3: Tübinger Wohnprojekt. Kein Spekulationsobjekt mehr – dafür viel Platz für Kinder, Hühner und Fahrräder.

Zum Autor

Tobias Kröll, Jahrgang 67, Fahrradmechaniker und Sozialwissenschaftler, betreibt einen kleinen Fahrradladen in Tübingen. Daneben engagiert er sich für einen sozialökologischen Umbau der Gesellschaft und ist Mitglied im Institut Solidarische Moderne.

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