Fahrradzukunft

Ausgabe 21

Februar 2016

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Tobis Fahrradgeschichten

von Tobias Kröll

Von Sonnenblumen, Planetengetrieben, James Dean, Fluchtursachen und dem Freihandelswahn

Am ersten Tag der Woche ist mein Fahrradladen geschlossen. Der Tag wird seit der Römerzeit mit Bezug auf den Mond »Montag« (ursprünglich: »Tag der Mondgöttin«) genannt. Mit dem Sonntag zusammen habe ich so – um einen Tag verschoben – ein »normal langes« Wochenende.

Bild 1

Am letzten Sonntag (lat. »Tag der Sonne«) im September hatte ich Lust, die letzten Sonnenblumen im Garten unseres Wohnprojekts zu fotografieren. Am Abend strahlte dann ein schöner Vollmond vom südöstlichen Himmel herab:
Am Sonntag Sonnenblumen, am Montag Vollmond.

Bild 2

In der darauf folgenden Nacht stand ich um halb drei Uhr auf, um die angekündigte Mondfinsternis zu bestaunen (ich musste ja am Morgen nicht rechtzeitig zum Fahrrad Schrauben aufstehen). Seit einiger Zeit finde ich solche »himmlischen« Ereignisse faszinierend.

Als der Wecker klingelte war der, inzwischen Richtung Westen weiter gewanderte, Mond schon zur Hälfte verdeckt. Wenn der Schatten der Erde so auf den Mond fällt, stelle ich mir meine momentane Position im Gefüge unseres Sonnensystems vor.

Bild 3

Die Schatten welcher Berge wird man gerade auf dem Mond sehen können? Welche Gegenden der Erde werden gerade von der Sonne beschienen? Was erleben Menschen gerade, über deren Köpfe hinweg die Sonnenstrahlen den Schatten auf den Mond werfen? Wie würden die Planetenkugeln und die Sonnenstrahlen von einem Standpunkt außerhalb betrachtet aussehen?

Zwei Tage später, am 30. September, jährte sich zum 60. Mal der Todestag des Schauspielers James Dean. Als Jugendlicher sah ich den James-Dean-Film »Denn sie wissen nicht, was sie tun«. Eine Passage prägte sich mir dabei besonders ein. Ein Satz über die Unendlichkeit des Universums im Verhältnis zu Problemen der Menschen und dem Dasein des Menschen überhaupt bei einer Szene im Planetarium. Hier im Original: »Through the infinite reaches of space, the problems of Man seem trivial and naive indeed. And Man, existing alone, seems to be an episode of little consequences« [Stern 1955]

Wenn man den Mond und die Mondfinsternis vor diesem Hintergrund betrachtet, wird vieles (vor allem einige persönliche Sorgen) relativ, aber eben nicht alles. Dafür gibt es zur Zeit genug Probleme auf diesem Planeten.

Genauer gesagt machen Menschen und die Folgen menschlichen Handelns anderen Menschen Probleme, die diese aus verschiedensten Gründen auch zum Verlassen ihrer Heimat nötigen.

Erst vergangene Woche sprach mich ein befreundeter Buchhändler an, ob ich noch Menschen kenne, die geflüchteten Menschen gebrauchte Fahrräder spendieren könnten. Derzeit gibt es viele derartige Initiativen. Man muss nur »Flüchtlinge« und »Fahrrad« in eine beliebige Internet-Suchmaschine eingeben.

Aber zurück zum Planetensystem und von da über das Planetengetriebe wieder zu Fahrrädern:
Planetengetriebe sind einfach faszinierend. Sie sind der technische Kern von Fahrrad-Nabenschaltungen. Ich mag Nabenschaltungen. Sie sind einfach genial. Da drehen sich Planetenräder um ein zentrales Sonnenrad oder mehrere Planetensysteme um mehrere Sonnenräder, wie bei den Namen igebenden echten Planetensystemen. Bis zu vierzehn zuverlässige Gänge lassen sich so produzieren, oder gar eine stufenlose Schaltung nach dem gleichen Prinzip. Es schaltet sich so leicht: Zack – und der Gang ist (meistens) drin, selbst wenn man im Stehen vor einer Ampel schalten muss.
(OK, ich gebe zu, dass, im Gegensatz zum Getriebe im Inneren der Nabe, die Schaltzüge oder Schaltboxen manchmal Probleme machen …)

Mehr als unpassend fand ich während meiner Ausbildung zum Zweiradmechaniker die Beschreibung eines Fichtel-und-Sachs-Vertreters in einer Fachhandelszeitschrift angesichts der Vorstellung der damals neuen 7-Gang-Nabenschaltung: Sie schalte zuverlässig, wie ein russisches Maschinengewehr …

Solche Waffen – auch das unzuverlässige G 36 – sind allzu oft ein Grund für den Tod von Menschen und auch für die Flucht so vieler Menschen aus ihrer geliebten Heimat.

Ein Mit-Grund ist die Einmischung von auto-versessenen Industrieländern in die Politik von Ländern, die mit fossilen Rohstoffen »gesegnet« sind. Als »Sündenfall« bezeichnet Michael Lüders in dieser Hinsicht den vom britischen und US-amerikanischen Geheimdienst inszenierten Sturz von Mohammed Mossadegh im Iran 1953. Dieser hatte nach seiner Wahl 1950 die ehemals britisch kontrollierte Ölindustrie verstaatlicht. Rund 90 % des damals in Europa gehandelten Erdöls stammten damals laut Lüders aus der Raffinerie im südwestiranischen Abadan. [Lüders 2015]

In diesem Zusammenhang muss ich daran denken, dass der rot scheinende Mond während der totalen Mondfinsternis »Blutmond« genannt wird.

Mein Vater war zur selben Zeit – 100 km Luftlinie entfernt – wach und fotografierte die Szene ebenfalls. Mit Stativ und einer Systemkamera mit Vollformatsensor lässt sich der Mond etwas deutlicher abbilden. Durch das Streulicht bei der Mondfinsternis lässt sich optisch nicht wesentlich mehr Schärfe herausholen. Geht man näher heran, wird die Darstellung unschärfer.

Wesentlich unschärfer dürften allerdings die Vorstellungen eines heutigen mitteleuropäischen Durchschnittsmenschen sein, was kriegerische Auseinandersetzungen angeht. Diese Vorstellungen werden im Gegensatz zum Blutmond zumindest etwas schärfer und deutlicher, wenn mensch sich darauf einlässt und näher herangeht.

Bild 4

Was wohl der Mann erlebt hat, der meiner Tochter und mir heute im überfüllten Zug den Platz neben sich anbot und dafür seinen 4-jährigen Sohn auf den Schoß nahm. Er konnte außer ein paar Brocken weder Englisch noch Deutsch. Ich fand aber zumindest heraus, dass er mit seiner Familie aus Damaskus stammt und am selben Tag erst in Deutschland angekommen und nun auf dem Weg zur Landeserstaufnahmestelle in Meßstetten war. Ein Verwandter, der wohl schon seit ein paar Wochen in Deutschland war, begleitete die geflüchtete Familie im Zug.

Nach diesem Einschub lässt es sich auch nicht mehr ganz so unbeschwert auf die zuverlässigen Nabenschaltungen zurückkommen. Doch solche »friedliche und umweltfreundliche Mechanik« fasziniert mich einfach, trotz des oben genannten unsäglichen Vergleichs.

Was ich nicht verstehe ist, wie prinzipiell mit Vernunft begabte Menschen (»homo sapiens sapiens«) auf die Idee kommen können, aus den astronomisch-physikalischen Prinzipien von Planetensystemen, mechanische Zusammenhänge abzuleiten, um dann mit solchen mechanischen Prinzipien die menschliche Gesellschaft und ihr Wirtschaftssystem zu erklären.

Tatsächlich ist es noch schlimmer: Diese angeblich »wissenschaftlichen Beschreibungen« werden als »Natur des Wirtschaftens« gesehen und der echten Welt als Normen, als anzustrebendes Ziel übergestülpt.

Führende Ökonomen wollen, dass sich Mensch und Natur um einen globalen Marktwettbewerb drehen wie die Planeten um die Sonne. Das sei natürlich und menschengerecht. Solche Leute vergleichen die uralte Ordnung von Planetensystemen mit dem Mensch und dem menschlichen Zusammenleben, wie z. B. Gert Dahlmanns im Vorwort zu einem Buch von Herbert Giersch, Deutschlands einflussreichstem Ökonomen der Nachkriegszeit:

»[Ordnung] liegt allem Lebenden und Geschaffenen als Bauplan zugrunde – bestimmt den katastrophenfreien Lauf der Gestirne, hält den menschlichen Organismus in gesundem Gleichgewicht und ermöglicht der Maschine den störungsfreien Lauf«, wie es Gert Dahlmanns formuliert [Giersch 1991]. Im Gegensatz zum Alltagsverständnis des Begriffs nennen diese Ökonomen ihre Ansichten »Soziale Marktwirtschaft«. Zur »Ordnung« dieser Ökonomen gehört ausnahmslos der sogenannte Freihandel.

»Freihandel zwingt zur Flucht«, lautet der Titel eines Kommentars der taz-Wirtschaftsredakteurin Ulrike Herrmann mit Hinblick auf das im Moment verhandelte TTIP-Abkommen.

Irgendwie habe ich den Sinn hinter diesem Freihandels- und Wettbewerbsfetischismus auf globaler Ebene noch nie richtig verstanden. Warum sollte der Weltmarkt für alle Menschen und Länder am besten und wichtigsten und deshalb der zentrale Bezugspunkt sein? Ist nicht für ein einigermaßen planbares Leben eine stabile, vernetzte ökonomische Basis vor Ort das Sicherste? Funktionierende lokale und regionale Märkte sind der stabilste Ausgangspunkt nachhaltigen menschlichen Wirtschaftens.

Lebensmittel werden heute um die ganze Welt geflogen. Warum werden deutsche Hühnerabfälle nach Afrika geschickt und zerstören dort lokale Märkte? Warum muss es in Deutschland im Winter Erdbeeren geben? Warum müssen so viele Waren um die ganze Welt geschickt werden? Aus ökologischen Gesichtspunkten ist das Wahnsinn. Zudem wird das Ganze noch mit – selbst in der eigenen Logik der Ökonomen – falschen Behauptungen propagiert. Siehe dazu: [Kröll 2014]

Welcher »angesehene« Ökonom berechnet zudem die durch den Freihandel verursachte Umweltverschmutzung durch Flugzeuge und Schiffe und zieht angemessene Schlussfolgerungen daraus?

Man könnte als mit Vernunft begabter Ökonom auch einfach das Ziel ausrufen, im übertragenen Sinne mehr Rezepte auszutauschen und mehr zusammenzuarbeiten anstatt ständig im »globalen Wettbewerb« die Kräfte zu messen.

Und den Vergleich mit Planetensystemen lassen wir doch bitteschön dort, wo er passt: in Hinterradnaben!

Bild 5

Literatur

Giersch 1991
Herbert Giersch: Europas Wirtschaft 1991. Ordnungspolitische Aufgaben in Ost und West. Mit einem Vorwort von Gert Dahlmanns. 1991. Bad Homburg: Frankfurter Institut für wirtschaftspolitische Forschung
Kröll 2014
Tobias Kröll: »545 Euro« – Modernes Kaffeesatzlesen. Zur Begründung der »Wohlstandseffekte« für die Bevölkerung durch das geplante TTIP-Freihandelsabkommen. 2014
Lüders 2015
Michael Lüders: Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet. 2015. München: C. H. Beck, S. 16.
Stern 1955
Stewart Stern: Rebel without a cause (Drehbuch). 1955

Zum Autor

Tobias Kröll, Jahrgang 67, Fahrradmechaniker und Sozialwissenschaftler, betreibt einen kleinen Fahrradladen in Tübingen. Daneben engagiert er sich für einen sozialökologischen Umbau der Gesellschaft und ist Mitglied im Institut Solidarische Moderne.

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