Fahrradzukunft

Ausgabe 21

Februar 2016

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Folgen der Helmpflicht für junge Radfahrer in Schweden

von Erik Sandblom

Dieser Artikel ist eine autorisierte Übersetzung durch Ingo Keck der auf ecf.com erschienenen englischsprachigen Originalversion.

Im Jahr 2005 führte Schweden eine Helmpflicht für radfahrende Kinder ein. Radhelmpflichten sind umstritten, da sie, wenn überhaupt, nur einen sehr begrenzten Einfluss auf die Zahl von Kopfverletzungen haben, aber im Gegensatz dazu mit einem Rückgang der Radfahrerzahlen verbunden sind. Erik Sandblom betrachtet, welche Wirkungen die Gesetzgebung zum Helmtragen auf Schwedens junge Radfahrer hatte.

Der zugrunde liegende Artikel wurde auf Schwedisch verfasst und von der Schwedischen Vereinigung der Verkehrsplaner veröffentlicht.

Von: baudman (Wikimedia). Bearbeitung: Bernd Sluka

Eine Möglichkeit, um die Effektivität von Helmen und Helmpflicht zu messen, ist zu überprüfen, ob Kopfverletzungen stärker zurückgehen als andere Verletzungen. Das ist tatsächlich der Fall, aber wie man in Abbildung 1 sehen kann, zeigt sich bei Fußgängern und Autoinsassen das gleiche Ergebnis.

Da sich dieser Rückgang auch auf Fußgänger und Autoinsassen erstreckt, sind es nicht notwendigerweise die Helme, die diesen langsamen Rückgang der Kopfverletzungen bewirkt haben. Dieses Ergebnis wurde in »Reflexen« veröffentlicht, der Fachzeitschrift der Schwedischen Gesellschaft für Verkehrsplaner, und bestätigt damit Ergebnisse aus anderen Ländern in Journalen mit Peer Review.

Abbildung 1 zeigt die Zahl der Kopfverletzungen als Anteil an Verletzungen an allen Körperteilen. Die nach unten gerichteten Linien lassen erkennen, dass Kopfverletzungen stärker zurückgehen als andere Verletzungen. Mit dieser Betrachtungsmethode ist es unwichtig, ob der Radverkehr zu- oder abnimmt und damit die absolute Zahl der Kopfverletzungen beeinflussen könnte.

Außerdem kann man so Radfahrer mit anderen Verkehrsteilnehmern vergleichen [1] und sehen, ob Ab- oder Zunahmen nur bei den Radfahrern auftreten oder das Ergebnis eines grundsätzlichen Trends sind, der möglicherweise auf andere Maßnahmen zur Straßensicherheit zurückgeht.

Wie man sehen kann, gibt es offenbar keinen Unterschied in den Trends der verschiedenen Verkehrsarten, was darauf hindeutet, dass wenn es einen Rückgang beim Anteil der Kopfverletzungen gibt, dieser wahrscheinlich durch etwas bewirkt wird, was auch andere oder alle Verkehrsteilnehmer betrifft.

Bild 1

Die steigende Helmnutzung hat Verletzungen nicht verringert

Abbildung 2 betrachtet den prozentualen Anteil behelmter Radfahrer und vergleicht ihn mit den Kopfverletzungen als Anteil an allen Verletzungen von Radfahrern. Sie zeigt, dass der Anteil der Kopfverletzungen unter Radfahrern (durchgezogene rote Linie) bei einen langsamen, abwärtsgerichteten Trend wie in Abbildung 1 bleibt, während der Prozentsatz von Kindern mit Helm (unterbrochene Linien) bei Beginn der Pflicht nach oben springt.

Wenn ein Anstieg der Helmnutzung gegen Kopfverletzungen schützen würde, würde man einen starken Abfall des Anteils von Kopfverletzungen bei Radfahrern erwarten, spiegelbildlich zum starken Anstieg der Helmnutzung. Doch das ist anscheinend nicht der Fall.

Es ist unklar, warum die Zunahme beim Helmtragen die Kopfverletzungen nicht reduziert hat. Vielleicht ereignen sich Radunfälle bei geringerer Geschwindigkeit, langsam genug, damit Radfahrer reflexartig ihre Arme nach oben werfen können, um ihren Kopf beim Unfall zu schützen. Es ist auch möglich, dass Radhelme nicht weich genug sind um den Aufschlag abzumindern.

Bild 2

Wirkung der Helmpflicht: Weniger Radfahren bei Schulkindern

Es gibt jedoch offenbar eine andere Wirkung der Helmpflicht, nämlich einen Rückgang des Radfahrens bei Schulkindern. Im Jahr 1983 hatten 57 % der Kinder im Alter von 7–9 Jahren die Erlaubnis der Eltern, ohne erwachsene Begleitung zur Schule zu radeln. In der Altersgruppe von 10–12 Jahren waren es 94 %. Bis zum Jahr 2007 gingen die Anteile auf 25 % in der ersten und 79 % in der zweiten Gruppe zurück.

Zu beachten ist, dass die Helmpflicht in 2005 eingeführt wurde; man kann sich daher ihres Einflusses nicht sicher sein, da die Zahlen auf Umfragen von 1983 und 2007 basieren. Aber es gibt auch Daten, die belegen, dass bei der Anteil mit dem Fahrrad zurückgelegter Schulwege von 33 % im Jahre 2006, also ein Jahr nach der Helmpflicht, auf 29 % im Jahr 2012 abgesunken ist. Diese Hinweise legen nahe, dass eine Helmpflicht in erster Linie bewirkt, dass weniger Kinder mit dem Rad in die Schule fahren.

Die Daten zeigen einen Rückgang beim Radfahren, aber ohne jährliche Zählungen ist die Feststellung einer Korrelation unsicher.

Ein dänischer Bericht [Underlien Jensen et al. 2002] zeigt jedoch dieselbe Verbindung zwischen einem Rückgang beim Radfahren zur Schule mit Helmwerbung und Sicherheits-/Angstkampagnen. Die Autoren stellen fest, dass die Hälfte des Rückgangs beim Radfahren durch Faktoren wie zunehmenden Autoverkehr und längere Schulwege bewirkt wurde und die andere Hälfte ungeklärt ist. Helmwerbung und Sicherheits-/Angstkampagnen seien nach Meinung der dänischen Autoren mögliche Erklärungen.

Anmerkungen

  1. Frühere Studien enthielten typischerweise nur Fußgänger die von Autos angefahren wurden und verglichen sie mit Radfahrern, die von Autos angefahren wurden oder ohne Beteiligung eines Motorfahrzeuges stürzten. In meinem Artikel schließe ich auch Fußgängerstürze basierend auf ICD10-Daten aus Krankenhäusern mit ein. Das ergibt einen gleichwertigeren Vergleich. Wie in meinem Originalartikel ausgeführt wird, muss man darauf achten, Fußgängerstürze auf Straßen, Gehwegen und Landstraßen zu berücksichtigen, aber gleichzeitig auch Stürze mit nicht angegebenen Orten zu überprüfen. Diese Stürze ohne Ortsangabe sind sehr zahlreich und deuten darauf hin, dass zumindest einige von ihnen tatsächlich auf dem Gehweg passiert sind. Vielen Dank an Morten Lange und Malcolm Wardlaw, die mir bei diesen Untersuchungen geholfen haben. Malcolm Wardlaw veröffentlichte außerdem auf dem ECF-Blog einen Artikel über den Vergleich zwischen Radfahrern und Fußgängern.

Literatur

Underlien Jensen et al. 2002
Søren Underlien Jensen, Camilla Hviid Hummer: Sikre skoleveje. En undersøgelse af børns trafiksikkerhed og transportvaner. Rapport 3. 2002. Danmarks TransportForskning. ISBN: 87-7327-065-2

Zum Autor

Erik Sandblom schreibt für den Umweltblog Ecoprofile.

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