Fahrradzukunft

Ausgabe 18

April 2014

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Tandemfahren mit Kindern

von Thomas Baumann

Bereits im März 2009 hat die Fahrradzukunft in Ausgabe 8 das Thema Radfahren mit Kindern behandelt (vielmehr: Leben mit Kindern ohne Auto). Ich möchte das Thema hier gerne noch einmal aufgreifen und um ein paar Dinge aus eigener Perspektive ergänzen.

Einführung

Meine Frau und ich leben mit unseren drei Kindern in Michigan. Wir sind nicht autofrei – das wäre hier nur schwer möglich – aber wir benutzen das Rad als Transportmittel im Alltag soweit es sinnvoll und machbar ist. Die ursprüngliche Frage, wie man ein oder mehrere Kinder per Rad transportiert, entwickelte sich später zur Frage, wie die Kinder für das Radfahren begeistert werden können.

Baby an Bord

Unser erstes Kindertransportmittel war ein Kinderanhänger. Ein Anhänger bot für uns eine ganze Reihe von Vorteilen gegenüber einem Kindersitz: Der Anhänger hat viel Platz, um problemlos noch andere Dinge mitzunehmen – man denke nur an die ganze Ausrüstung, die man für ein Baby benötigt. Der Anhänger kann auch leicht und schnell zwischen verschiedenen Fahrrädern getauscht werden und benötigt keine speziellen Gepäckträger oder Anbauten an den Fahrradrahmen. Es gibt auch Fahrradanhänger, die zwei Kindern Platz bieten.

Bild 1: Die große Schwester und ihr kleiner Bruder teilen sich (noch) den Platz im Anhänger.

Das Mitfahren im Anhänger macht den Kindern viel Spaß – vor allem, wenn ein Spielplatz oder eine Eisdiele das Ziel der Reise ist. Oft wird der Anhänger aber auch für Fahrten zum Kindergarten eingesetzt. Die Kinder tragen immer einen Helm im Anhänger, in erster Linie, um ihnen den Zusammenhang zwischen Radfahren und Helmtragen so früh wie möglich beizubringen. Natürlich fahren Mama und Papa auch immer mit Helm.

Was macht man denn mit drei Kindern?

Als das dritte Kind unterwegs war, stellte sich uns zunächst ein Problem: Wie kann man drei Kinder mit dem Rad transportieren? Unsere älteste Tochter wurde schnell zu groß für den Anhänger und war zu dieser Zeit schon mit ihrem ersten »richtigen« Fahrrad unterwegs. Sie hatte auf einem simplen Laufrad gelernt, das Gleichgewicht zu halten, so dass wir beim Fahrradkauf die Stützräder gleich gegen einen Fahrradständer austauschen konnten. Aber den Straßenverkehr oder etwas längere Strecken wollten wir ihr noch nicht zumuten. Also hielt ich nach einem Tandem Ausschau, auf dem ein 5- bis 6-jähriges Kind mitfahren kann.

Bild 2: Renn-Tandem mit Kinderkurbelsatz. Hier fährt ein Siebenjähriger als Stoker mit.

Üblicherweise werden Tandems mit einem sogenannten Kinderkurbelsatz ausgerüstet, um sie für einen kleinen Stoker (das englische Wort für »Heizer«, das ist die Person, die hinten auf dem Tandem mitfährt, oder vielmehr mittritt) anzupassen. Dabei wird ein zusätzliches Tretlager inklusive Kurbelsatz oberhalb des hinteren Tretlagers am Sattelrohr montiert (siehe Bild 2). Eine zusätzliche Kette verbindet die Kinderkurbel mit der normalen Stoker-Kurbel, von der die Pedale entfernt werden. Die Position der Kinderkurbel kann an die Reichweite der Kinderbeine angepasst werden.

Eher zufällig machte ich dann aber in einem gut ausgestatteten Fahrradgeschäft Bekanntschaft mit einem Tandem der Marke Co-Motion, welches aufgrund seiner besonderen Rahmengeometrie keiner weiteren Umbaumaßnahmen bedurfte, um Platz für ein Kind zu bieten. Das »Periscope« hat hierfür ein sehr kurz ausgelegtes Stoker-Sattelrohr von nur 30 cm, so dass der Stoker-Sattel sehr niedrig eingestellt werden kann. Eine Teleskop-Sattelstütze sorgt weiter dafür, dass das Stoker-Abteil bis zum Erwachsenenalter mitwachsen kann (siehe Bild 3). Das kurze Stoker-Sattelrohr bedingt auch ein stark abfallendes Oberrohr und bietet daher im hinteren Abteil auch eine niedrige Oberrohrhöhe. Um die Kurbellänge an die kürzeren Kinderbeine anzupassen, muss man lediglich eine Kurbelarmverkürzung anbauen. Das sind typischerweise Platten aus Aluminium, die an die Kurbel geschraubt werden und die eine Reihe von Bohrungen mit Pedalgewinden haben, in die nun die Pedale an verschiedenen Positionen eingeschraubt werden können.

Bild 3: Unser Co-Motion Periscope, ein Tandem auf das Kinder ohne An- und Umbauten passen. Das Foto zeigt das Rad noch ohne Schutzbleche, Gepäckträger und anderem Zubehör.
Bild 4: Die Kurbelarmverkürzung an der Stoker-Kurbel bietet vier Positionen, an denen das Pedal eingeschraubt werden kann.

Dieses Tandem hatte zwar einen recht hohen Anschaffungspreis, aber für uns gab es noch einen weiteren Beweggrund, in dieses Tandem zu investieren: Unser Sohn, unser zweites Kind, hat das Down-Syndrom. Bestimmt ist er einmal in der Lage, selbstständig Rad zu fahren, allerdings wird es wohl eine Weile dauern, bis er auf einem eigenen Rad im Straßenverkehr zurecht kommt. Ein Tandem ist hier die ideale Lösung. Mit dem Tandem kann man Kinder schon ab vier Jahren mit Kinderkurbelsatz mitnehmen, oder je nach Größe ab etwa fünf bis sechs Jahren auf ein Periscope Tandem setzen und dann auch durchaus größere Strecken zurücklegen. Das Kind kann dabei viel vom Captain (der vorne sitzende »Kapitän«) lernen, vom Radfahren im Straßenverkehr bis hin zum effektiven Schalten.

Natürlich kann man mit dem Tandem auch noch einen Kinderanhänger ziehen – und schon hat man Platz für bis zu drei Kinder, vorerst jedenfalls und soweit sich die beiden im Anhänger vertragen. Mit diesem Gespann lassen sich kürzere Strecken sehr gut bewältigen. Wenn der Stoker mitmacht, kann man durchaus recht zügig damit fahren. Ein anderer Vorteil des Tandems als Zugfahrzeug ist, dass der Stoker mit auf die Passagiere im Anhänger aufpassen kann, während sich der Kapitän voll auf den Straßenverkehr konzentrieren kann.

Auf der Straße ist das längere Gespann kein Problem, allerdings muss man auf Radwegen oder anderen Pfaden schon mal aufpassen, wenn es engere Kurven gibt. Ein anderes Problem ist, wenn man einen Parkplatz dafür finden möchte, weil Fahrradständer meist nicht genügend Platz bieten. Im Notfall kann man aber immer den Anhänger beim Parken abkuppeln. Wir nehmen im Anhänger immer ein Paar kleine Sicherheitskegel mit, mit denen man sich dann auch mal einen Parkplatz abseits vom Fahrradständer reservieren kann.

Mit dem Tandem und den Kindern Rad zu fahren macht riesig Spaß und den Kindern gefällt es auch sehr, vor allem wenn man die Radtour noch mit einer anderen Aktivität verbindet, wie zum Beispiel einem Besuch im Zoo.

Bild 5: Die große Schwester ist mitgekommen, um die Kleine vom Kindergarten abzuholen.

Das Tandem erfüllt für uns ein sehr breites Spektrum von Aufgaben. Ab und zu werden Kinder damit zur Schule oder zum Kindergarten gebracht oder auch bei Kindergeburtstagen abgesetzt. Manchmal benutze ich es für etwas schnellere Trainingsfahrten mit meinem Sohn, dem das sehr viel Spaß bereitet. Das Tandem ist so konstruiert, dass auch ohne Probleme schnell gefahren werden kann. Während der wärmeren Jahreszeiten hier in Michigan werden die Pedale am Tandem oft mehrmals pro Woche umgesetzt, weil einmal die älteste Tochter und dann der Sohn mit dem Tandem mitfahren.

Inzwischen schon drei Mal habe ich mit meiner großen Tochter an einer organisierten Radtour teilgenommen, die in sechs Tagen quer durch Michigan führt. Dabei werden jeden Tag etwa 80 km zurückgelegt und es wird an Schulen gezeltet. Diese Radtour ist speziell für Familien konzipiert und bietet eine optimale Möglichkeit, Kinder für Radreisen zu begeistern. Hierbei kommt der Spaß nicht zu kurz, denn Radfahren nimmt nur einen Teil des Tagesgeschehens ein. Für Kinder ist eben Abwechslung sehr wichtig.

Warum sind wir schon drei Mal mitgefahren? Weil meine Tochter jedesmal, wenn die Anmeldung früh im Jahr herauskommt, sagt, dass sie wieder mitfahren möchte. Was meiner Tochter am besten dabei gefällt ist, dass sie jeden Tag mit vielen anderen Kinder spielen kann. Dabei lernt sie neben vielen anderen Dingen, dass mit dem Fahrrad auch größere Strecken bewältigt werden können oder sich beim Gepäck auf das Wesentliche einzuschränken, welches wir am Tandem auf Gepäckträger und Lowrider verteilt mitnehmen.

Als wir das erste Mal diese Tour gemacht haben, war meine Tochter acht Jahre alt. In diesem Jahr hatten wir schlechtes Wetter: Es gab eine Tornado-Warnung und an drei Tagen mussten wir morgens im Regen losfahren. Erstaunlicherweise hat sich meine Tochter nie über das Wetter beschwert. Was mir auffiel ist, dass die Kinder in diesem Alter viel vom Verhalten der Eltern lernen. Weil wir für Fahren im Regen ausgerüstet waren, habe ich nur gesagt, jetzt müssen wir unsere Regenmontur anlegen, ohne mich darüber zu beschweren. Und meine achtjährige Tochter wusste es einfach nicht besser.

Bild 6: Quer durch Michigan mit allem, was man braucht, ist eine tolle Erfahrung für eine Grundschülerin.

Zum Autor

Thomas Baumann lebt mit seiner Familie in Michigan, USA, wo er, wenn er nicht mit dem Rad unterwegs ist, als Kernphysiker tätig ist.

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