Fahrradzukunft

Ausgabe 15

April 2013

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Bodensee mit Pino-Tandem und Rollstuhl

von Hans-Jürgen Staude

Kleine Höhenunterschiede gehen schnell an die Leistungsgrenze. Auch wenn die Beine dank der effektiven Untersetzung noch mithalten, die Pumpe sagt irgendwann: »Ach nö, zu schnell.«

133 kg kommen zusammen: Antje 55 kg, das Pino – unser Liegesitztandem – 25 kg, die vier Packtaschen 30 kg und der Einradanhänger mit dem darauf zusammengezurrten Rollstuhl 23 kg. Aber wir haben uns die Bodenseerunde ausgesucht, die arm an Steigungen ist. Wenn wir es nicht schaffen, greifen wir in die Trickkiste, und von den Kniffen lernen wir situativ immer mehr dazu.

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Der Nachtzug mit dem behindertengerechten Superabteil hat uns leicht von Hamburg nach Zürich schweben lassen, die Hebebühnen als Einstiegshilfe waren vorbestellt, ein Prachtsaal von Fahrradteil überrascht in der DB-Welt.

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Doch vorher hat uns ein Gewitterschauer der heftigsten Art beim Start von der Haustür in Hamburg-Harburg durchnässt. Doch wir müssen irgendwie durch, die Abfahrtszeit des Zuges erlaubt keinen Aufschub. Hektik, Antje ist kaum auf das Rad zu heben, alles ist triefend! Das wird dann überall im Zugabteil drapiert, und bald schon leuchtet die Abendsonne warm in das Fenster, die Landschaft verwischt in der Geschwindigkeit des Bahnreisens vorbei.

Beginnen wollen wir die Tour in Schaffhausen, dort wo der Rhein zu einem Höhepunkt brilliert. Der nette Bahnhelfer in Zürich bugsiert uns schnell in einen Doppelstockzug und organsiert ein bequemes Umsteigen in Winterthur – wir haben blindes Vertrauen in sein Können! Schaffhausen: Sonne, Wärme und der brausende Wasserfall.

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Mutig lassen wir das bepackte Fahrradgespann einfach stehen und erkunden den Weg zum Fall zu Fuß und per Rolli. Dort begegnen wir Armin, dem Reiseenthusiasten. Rollstuhl und Speedy, montiert zu einer zugkräftigen Fahrradmaschine, handbetrieben. Die Strecke Köln – Bodensee ist die Aufwärmübung für Armin, zurück auf der anderen Rheinseite dann Routine. Wir fachsimpeln über Handicaptechniken, und auch das: das Leben ist schön! Was denn sonst? Im Korso radeln wir noch ein Stück gemeinsam rheinaufwärts, dann braucht Antje Ruhe auf der Isomatte im Schatten. Ich teste das erfrischende Flusswasser, türkis die typische Farbe eines Alpenflusses, so ganz anders als das Braun der Hamburger Tidenelbe. Ruhe, aktionsfreie Zeit zum Ankommen in dieser Landschaft, die uns Neues bringen soll. Nicht nur in der für uns neuen Gegend, sondern auch im Zusammenspiel als Team, den Ausgleich der Interessen Abenteuer, Erholung zu finden. Hilfe suchen in Gesprächen, die die zunehmenden Unterschiede im Erleben der eigenen Körperlichkeit überbrücken sollen.

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Stein am Rhein, Ludwigshafen sind die ersten Etappen. Nur kurz die Entfernungen, aber die Strecke ist nicht das Ziel. Viel wichtiger ist die Zeit für notwendige Rappelpausen, damit sich die Muskelkrämpfe bei Antje beruhigen können, die Zeit für das Erleben der intensiven Details, so der blauen Salbeiblüten, die es in Norddeutschland nicht gibt. Oder die Blindschleiche beobachten, die die Radolfzeller Ache durchschwimmt und dabei von einem Blässhuhn verfolgt, aber dann doch in Ruhe gelassen wird. Wir entdecken den Mindelsee, der Schlafpause und warmes Bad ermöglicht, eine Stimmung wie an einem skandinavischen See. Oder das Blaskonzert auf dem Marktplatz von Stein: spaßig gelingt die Verbindung von traditionellen Heimatklängen zu Bossa und ja, sogar Jazzriffs sind zu hören.

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Freude als Motiv, kommt uns bekannt vor. Als Long-Vehicle – so locker vier Meter steht unser Gespann aus Tandem – Anhänger in der Zuschauergruppe. Antje sitzt in ihrem Fahrradsessel, die Füße in die Pedale eingeklickt. Der Zweibeinständer hält alles problemlos im Gleichgewicht.

Während der Tour habe ich es mir abgewöhnt, Antje allein auf ihren Sitz zu heben. Überall sind helfende Menschen. Kurz angesprochen, nachgefragt nach dem sportlichsten in der Gruppe oder wer Lust auf eine gute Tat hätte, und der Lift ist perfekt. Ein Dank an all die unbekannten Helfer, und, so etwas ist wichtig!

Zwischen Radolfzell und Bodman liegt die Bodanhöhe. An sich nicht beeindruckend, aber in diesem Tross dann doch! Per Sattelitenbild habe ich mir den optimalen Weg gesucht, ihn aber in Güttingen dann doch nicht gefunden. Erkundungsfahrten mit Höhenverlust können wir uns nicht leisten. Ein anderer Radler will uns einen anderen Weg zeigen, doch der ist viel zu steil, allein nicht zu schaffen. So schiebt der Helfer einfach mit: Doppelte Kraft ist halber Schweiß, aber immer noch genug!

Glatt und flott führt der Bodenseeradweg durch die zahlreichen Dörfer und Städtchen, das Radwegemblem folgt allen Verwinkelungen. Irgendwann und endlich: der Blick zu den Alpen, den Höhen mit den Schneeflecken in den Karen. Die Stockente schnattert trocken ihr Lied dazu, ab 20 km/h begleitet vom Surren der schmatzigen 50 mm Pneus. Pinofeeling im Windschutz der Vorderfrau, mühelos im Schwung der Masse. Pedalierend trocknet der Fahrtwind den Salzextrakt auf der Stirn – easy-rider in einem ungleichen Team. Viele Radfahrer begegnen uns – sie haben alle dieses Strahlen in den Augen, ihnen scheint es auch gut zu gehen. Dann sind wir ja auf dem richtigen Weg!

Bei Eriskirch liegen diese bemerkenswerten Iriswiesen – sehenswert, ein Kleinod. Zuletzt haben wir die Sibirische Iris bei einer Kajaktour in Alaska erlebt, heute ist das ein Gruß von dort? Etwas später sind es Knabenkräuter, die ich Antje zeigen will. Ein kräftiger Griff in die Scheibenbremsen, doch leider bleibe ich mit der Jacke hinter dem Sattel hängen. Die Folge ist eine Näherung der ganzen Masse in die feuchtweiche Orchideenbotanik im Zeitlupentempo – mit beladenem Anhänger ein Slapstick. Aber auch hier sind viele Helfer zugegen.

Erst die Schweiz, Deutschland, wieder Schweiz, Deutschland, Österreich, Schweiz – viele Grenzen, doch marginal die Abgrenzung. Sie dienen der Unterhaltung, die Grenzen werden grenzenlos empfunden. In Österreich mündet der Rhein in den Bodensee, kraftvoll. Dort erleben wir das rustikalste Quartier, aber voller Herzlichkeit. Erlebt haben wir in den Unterkünften alles: Fahrstühle aber auch den das Tragen zu zweit abends hinauf und morgens hinab, die Behindertentoilette aber auch die Verwirklichung jeder nur denkbaren Improvisationsfähigkeit zur Nacht und am Tag. Man kann viel verabreden, dann sind Barrieren keine Barrieren. Transfers Fahrrad – Rolli, ungewohnte Umgebung ohne Hilfsgriffe, das sind die Schwierigkeiten einer solchen Tour, die Unfallfreiheit der Erfolg.

Doch zurück zum Rheinzufluss. Abends gönne ich mir noch eine Solofahrt in das Abendlicht. Der Raubvogel sitzt auf trockenem Ast in der Silhouette gegen den Horizont, der blutrot die Grenze zwischen der Atmosphäre und dem Bodensee markiert. Die Wasserfrösche rätschen selbstbewusst ihre Dominanz, und der Radfahrer wechselt genussvoll das Medium, gleichmäßige Wellen in das ölig anmutende Wasser verteilend.

Rorschach in der Schweiz soll unser Endpunkt werden. Ist doch egal, ob der Bodensee ganz umrundet wird oder nicht. Bahnsteigrampen, barrierefreier Zustieg in den Zug, edelstahlrolligerechtes Klo in Kreuzlingen, das ist die Schweiz – sehr positiv. Allerdings wird im Zug Konstanz – Zürich Antjes Behindertenausweis nicht als international anerkannt, ich muss als Begleitung gut Franken nachrappen, obwohl Antjes Handicap auch in der Schweiz nicht spontan heilt. Doch so viel Gelassenheit habe ich gelernt, dass kein Adrenalinmolekül das Speichervesikel verlässt. Zumal da unser Pino so recht behindernd im IC der SBB den Gang versperrt, aber keinerlei Protest provoziert.

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Von Kreuzlingen nach Konstanz sind wir nochmals über die Grenze geradelt, haben den Ausfluss des Bodensees in den Seerhein gesehen, die Metamorphose des Sees zum Fluss mit heftiger Strömung – alles in Bewegung.

Antje leidet an Multipler Sklerose, sekundär progredient, nicht gehfähig, starke Spastizität. Der Artikel ist geschrieben zur Ermutigung anderer und auch von uns selbst. Danke an alle lieben Helfer!

Tandemfahrten mit Rollstuhl – ein paar persönliche Tipps

Tandem mit Anhänger

Wir fahren das Liegesitztandem Pino von Hase. Die mobilitätseingeschränkte Person sitzt vorn wie auf einem Liegerad, die Füße können in die Pedale eingeklickt werden. Es muß nicht mitgetreten werden, da ein Freilauf das vordere Tretlager völlig unabhängig macht. Ein stabiler Lastenständer ermöglicht den Transfer vom Rollstuhl in den Fahrradsitz ohne, daß das Fahrrad gehalten werden muß. Der Rollstuhl wird zusammengeklappt auf der flachen Platte des Anhängers Weber Monoporter transportiert. Dieser kann zusammengeklappt werden und hat bei Schiebeaktionen auf Bahnsteigen oder im Fahrradabteil der Bahn Platz auf dem Vordersitz ohne seitlich überzustehen.

Steigungen sind schnell ein limitierender Faktor. Auch das Schieben kommt schnell an meine Kraftgrenzen. Bewährt hat sich ein am Stokerrohr vorn befestigtes Seil, das beim Schieben von einem Helfer zum Ziehen gegriffen werden kann. Bei Nichtgebrauch wird es mit einer Gummileine fixiert. Einen E-Motor haben wir nicht.

Bahnreisen

Bahnreisen sind unproblematisch, wenn der Mobilitätsservice der Bahn bestellt ist und man selbst sich um das Fahrrad kümmern kann. Nachtzüge haben oft ein reservierbares Behindertenabteil und eine große Fahrradstellfläche. In engen Fahrstühlen hebe ich das Pino an der Stokerstange schräg senkrecht an, Gepäcktaschen vorn vorher abnehmen.

Gemeinsam Reisen

In Gruppe reisen macht unheimlich stark. Aber das ergibt sich leider nicht immer. Zum Transfer Rollie – Fahrrad Leute ansprechen hilft immer. Doch wenn ich allein bin, dient eine große Plastikschnappdose kombiniert als Tritt für den Höhenunterschied. Pausen einplanen, Tagesetappen nicht zu lang wählen. Bei uns sind 30–40 km optimal, 60 km geht auch noch. Die Wegqualität ist sehr wichtig, weil mehr noch das Rappeln und Ruckeln auf schlechten Wegen anstrengt als die reine Strecke.

Zum Autor

Hans-Jürgen Staude (hajuetjeld|Spamschutz: Text zwischen senkrechten Balken entfernen|@hotmail.com), Jahrgang 55, von Beruf Krankenhausapotheker, ist als Alltagsradler sonst noch im Kajak und mit Tourenski unterwegs. Er freut sich besonders, wenn Botanik und Tierwelt ihre besonderen Kostbarkeiten zeigen und die Seele streicheln.

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